Wenn ich Architekturführungen durch das Enge-Quartier durchführe, bemerken viele Gäste einen Kontrast: Oben am Parkring die Belle-Époque-Villen, herrschaftlich, mit Blick über den See. Eingeklemmt unten im Tal, die Genossenschaftssiedlungen an der Waffenplatzstrasse, nüchtern, sauber, für Menschen mit normalem Lohn gebaut. Zwei Welten, ein paar Dutzend Höhenmeter auseinander. Und irgendwann kommt die Frage: Ob das nicht alles vererbt sei, das Oben und das Unten, einbetoniert für Generationen.

Eine gute Frage. Nur lautet die Antwort anders, als die meisten erwarten. Seit Ende Juni liegt eine Studie des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern vor, die der gängigen Vermutung ziemlich unsanft in die Parade fährt. Der Rahmen: Drei Ökonomen, fast 700’000 Personen, 23 Geburtsjahrgänge, sauber ausgewertete Verwaltungsdaten, nach Peer-Review in einem internationalen Journal publiziert. Das Resultat: Die Familie erklärt in der Schweiz gerade einmal 16,2 Prozent der Einkommensunterschiede. Der Rest — mehr als vier Fünftel — hat mit der Herkunft schlicht nichts zu tun.

Man lasse sich diese Zahl auf der Zunge zergehen. In Deutschland und den USA ist der Familieneinfluss deutlich grösser; amerikanische Bruderkorrelationen erreichen Werte von fast 0,5, während die Schweiz näher bei Skandinavien liegt, dem Gelobten Land der Chancengleichheit. Die Schweiz, dieses angebliche Bollwerk aus Erbschaften, Vitamin B und Zunftbeziehungen, ist sozial durchlässiger als ihr Ruf. Das ist kein Zufall.

Die Forscher haben es sich nicht leicht gemacht. Statt der üblichen Eltern-Kind-Vergleiche haben sie Geschwister untersucht — ein cleverer Kniff, denn Geschwister teilen weit mehr als nur das elterliche Einkommen. Dasselbe Quartier, dieselbe Schule, dieselben Freunde, denselben Küchentisch mit denselben Predigten. Wenn also irgendetwas den Familieneinfluss einfangen kann, dann diese Methode. Und selbst sie findet: erstaunlich wenig.

Noch spannender wird es beim zweiten Befund. Die Ökonomen haben den ganzen Katalog durchgerechnet, den man üblicherweise für den Erfolg der Kinder verantwortlich macht: Einkommen der Eltern, Bildung, Beruf, Herkunftsland, Konfession, Zivilstand, Sprache, Familiengrösse. Alles zusammengenommen. Und alles zusammengenommen erklärt weniger als zwölf Prozent der Geschwister-Ähnlichkeit.

Die Studie illustriert das ausgerechnet an Michael Jackson — zehn Geschwister, fast alle erfolgreich im Musikgeschäft. Der perfekte Gegenbeweis, könnte man meinen. Oder eben der Sonderfall, der die Regel verdeckt: Für jede Familie Jackson laufen zehntausend Geschwisterpaare in alle Richtungen davon. Der eine wird Filialleiter, die andere Ärztin, der dritte macht irgendwas mit Krypto.

Es bleibt darum dabei: Die Kinder vom Parkring und von der Waffenplatzstrasse landen sehr viel häufiger im selben Leben, als es der Höhenunterschied vermuten lässt. Der Hang trennt die Häuser. Die Menschen trennt er spürbar weniger.

Das ist mehr als eine akademische Fussnote. Kaum eine Session vergeht in Bern, ohne dass von links die Chancenungleichheit beschworen wird: Der Aufstieg sei verbaut, das Elternhaus entscheide alles, wer unten geboren werde, bleibe unten. Es ist die Gründungserzählung eines ganzen politischen Lagers — und die Rechtfertigung für jede neue Umverteilung. Nur stimmt sie für die Schweiz nicht. Die Daten sagen das glasklar. Wer hier behauptet, die Herkunft sei Schicksal, redet nicht über die Schweiz, sondern über Amerika. Oder über ein Land, das er sich zurechtlegt, weil es die eigene politische Agenda stützt.

Und hier hört der Spass auf. Denn das Gerede von der zementierten Ungleichheit ist nicht bloss falsch — es ist schädlich. Wer einem sechzehnjährigen Lehrling einredet, das System sei gegen ihn, die Würfel längst gefallen, sein Effort vergeblich, der nimmt ihm genau das, was ihn tatsächlich weiterbringt: die Überzeugung, dass es sich lohnt. Determinismus ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Er entmutigt jene, die es packen könnten, und liefert jenen die Ausrede, die es gar nicht erst versuchen. Eine Gesellschaft, die ihren Jungen erzählt, Herkunft sei alles, produziert am Ende genau die Unbeweglichkeit, die sie zu bekämpfen vorgibt.

Die wahrscheinlichste Erklärung für die offene Schweizer Gesellschaft ist nämlich kein Steuertarif, sondern die Berufslehre. Das duale Bildungssystem mit seiner hohen Durchlässigkeit zwischen Handwerk und Hörsaal. Wer hierzulande keine akademischen Eltern hat, landet nicht automatisch im Abseits, sondern womöglich auf einer Baustelle, die zur Bauleitung führt, die zum eigenen Betrieb führt. Das oft belächelte System der Lehre — es ist der stille Gleichmacher, den keine Verteilungspolitik je erfunden hat. Man müsste es nur loben, statt es zu akademisieren.

Am Ende der Führung geht die Diskussion manchmal weiter. Und der Höhenunterschied ist unverändert. Die Villen bleiben oben, die Siedlungen unten. Aber wer daraus schliesst, auch die Menschen blieben, wo sie geboren wurden, der liegt mit rund 84 Prozent Wahrscheinlichkeit daneben. Nur weiss er es nicht. Und will es, wenn er in Bern links politisiert, auch gar nicht wissen.

Quelle: Review of Income and Wealth 2026

Bild des Verfassers: Garten der Villa Maria am Parkring

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