IT-Projekte brauchen gute Projektnamen. Diese zu kreieren ist allerdings gar nicht so einfach!

“Liebe Kolleginnen und Kollegen, herzlich willkommen hier auf dem Bürgenstock an der Klausurtagung zur Festlegung der Spezifikationen für unser IT-Grossprojekt. Wir beginnen gleich mit dem wichtigsten Punkt des Workshops: der Festlegung der Projektbezeichnung. Früher ging man da ja relativ leichtfertig vor, machte sich keine grossen Gedanken, was nicht selten in einem Fiasko endete. BBL und BIT haben eine statistische Auswertung vorgenommen und herausgefunden, dass 54,7% aller gescheiterten IT-Projekte letztlich auf einen falsch gewählten Projektnamen zurückzuführen sind. Wir wollen also diesen Fehler sicher nicht machen. Es geht hier schliesslich um das elektronische Management aller Aktivitäten unseres Amtes. Ich habe daher Evangelina Wolstojeff-Margelist für ein Einleitungsreferat eingeladen. Sie führt die bekannte Design-Agentur EWM und unterstützt uns bei diesem sehr anspruchsvollen Thema. Eva, bitte!”

“In der Tat, früher wurden Projektnamen mehr oder weniger im Pausengespräch spontan aus dem Hut gezaubert. Das geht heute natürlich gar nicht mehr. Projektnamen sind eine hohe Kunst – es gibt zahlreiche Hürden zu überwinden, um den Namen zu kreieren, der den Erfolg garantiert. Vor allem kann man viel falsch machen, womit ich gleich beginnen möchte:

Akronyme zum Beispiel sind höchst gefährlich, weil sie von Aussenstehenden – oder auch von internen Maulwürfen – leicht umgedeutet werden können. Denken wir an unsere bundeseigene Elektronische Geschäftsverwaltung. Da heisst GEVER dann plötzlich ‘Geht Ewig, Vermutlich ERfolglos’. Es gibt übrigens eine Website, bei der man nicht nur positive, sondern auch negative ‘Backronyme’ automatisch generieren kann, um etwas schlecht zu machen. Zum Glück arbeitet die nur auf Englisch, womit wir in der Bundesverwaltung sicher sind.

Bei GEVER sehen wir einen weiteren Fehler: Folgen von Grossbuchstaben sind problematisch, weil sie im Lauftext jeweils so auffällig sind. Dabei ist Zurückhaltung wichtig. Immer schön unter dem Radar bleiben, lautet die Devise. Dies ist zum Beispiel nicht gelungen bei ASALfutur, und prompt hat ‘Inside-it.ch’ vor kurzem darüber geschrieben. Dies hat dann auf Twitter eine Diskussion losgetreten – genau, was Sie nicht brauchen können, wenn Sie die Finanzkontrolle und die GPK nicht im Haus haben wollen. Wenig sinnvoll finde ich übrigens die Verwendung des Wortes ‘futur’. Oder kennen sie viele Projekte, bei denen es darum geht, Applikation für die Vergangenheit zu entwickeln?

Wenn wir grad bei aktuellen Beispielen sind: Bei Superb23 wurden gleich mehrere Fehler gemacht. Ein Wort, das als plumpes Selbstlob verstanden werden kann, geht gar nicht. Und als Akronym gäbe es ja daraus SUboptimal PERfiden Blödsinn. Noch gefährlicher ist aber die Verwendung von Zahlen. Merken Sie sich, Zahlen sind generell zu vermeiden. Die Zahl 1 markiert, dass wohl noch weitere kommen werden, nicht gut. 2,3 etc. weisen darauf hin, dass es offenbar schon frühere – offenbar nicht erfolgreiche – Vorgängerprojekte gab. Auch schlecht.

Tödlich sind Zahlenfolgen, die als Jahreszahlen interpretiert werden können. Es leuchtet ja jedem ein, dass zum Beispiel das 23 in Superb23 als Auslieferungsjahr zu verstehen ist. Da wir aber alle wissen, dass grundsätzlich jedes IT-Projekt nicht nur doppelt so teuer wird wie geplant, sondern auch doppelt so lang geht, begibt man sich damit in Teufels Küche.

Geografische Begriffe oder Personen aus der Geschichte eignen sich leider auch nicht, da sie über kurz oder lang zu innen- oder aussenpolitischen Problemen führen können, von unwillkommener Medienberichterstattung erst gar nicht zu reden. Wie wir mittlerweile wissen, ist bei historischen Persönlichkeiten der Weg vom Wohltäter zum Sklavenhalter nicht weit. Auch Farben sind kritisch, gibt es doch keine, die nicht irgendwo mit einer bestimmten politischen Ausrichtung verbunden wird. Dies gilt auch für Tiere. Ah, da hat jemand eine Frage!”

“Ja, Frau Wolstojeff, wenn man sie so hört, da bleibt ja nichts mehr übrig. Wir brauchen aber unbedingt eine gute Projektbezeichnung.”

“Also, ich hätte da schon etwas. Am wenigsten kontrovers ist die Botanik, und am besten bleiben wir bei einheimischen Gewächsen. Deshalb schlage ich vor: Projekt ‘Maieriesli’.”

Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner Kolumne “Von Hensch zu Mensch” auf inside-it.ch und inside-channels.ch. Foto von Jonathan Borba auf Unsplash

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