{"id":4106,"date":"2026-07-03T15:30:33","date_gmt":"2026-07-03T13:30:33","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=4106"},"modified":"2026-07-03T15:49:02","modified_gmt":"2026-07-03T13:49:02","slug":"papa-hat-weniger-zu-sagen-als-er-meint-mama-auch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/papa-hat-weniger-zu-sagen-als-er-meint-mama-auch\/","title":{"rendered":"Papa hat weniger zu sagen, als er meint &#8211; Mama auch"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich Architekturf\u00fchrungen durch das Enge-Quartier durchf\u00fchre, bemerken viele G\u00e4ste einen Kontrast: Oben am Parkring die Belle-\u00c9poque-Villen, herrschaftlich, mit Blick \u00fcber den See. Eingeklemmt unten im Tal, die Genossenschaftssiedlungen an der Waffenplatzstrasse,  n\u00fcchtern, sauber, f\u00fcr Menschen mit normalem Lohn gebaut. Zwei Welten, ein paar Dutzend H\u00f6henmeter auseinander. Und irgendwann kommt die Frage: Ob das nicht alles vererbt sei, das Oben und das Unten, einbetoniert f\u00fcr Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine gute Frage. Nur lautet die Antwort anders, als die meisten erwarten. Seit Ende Juni liegt eine Studie des <a href=\"https:\/\/www.iwp.swiss\/der-einfluss-der-familie-ist-kleiner-als-gedacht\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.iwp.swiss\/der-einfluss-der-familie-ist-kleiner-als-gedacht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Instituts f\u00fcr Schweizer Wirtschaftspolitik in Luzern<\/a> vor, die der g\u00e4ngigen Vermutung ziemlich unsanft in die Parade f\u00e4hrt. Der Rahmen: Drei \u00d6konomen, fast 700&#8217;000 Personen, 23 Geburtsjahrg\u00e4nge, sauber ausgewertete Verwaltungsdaten, nach Peer-Review in einem internationalen Journal publiziert. Das Resultat: Die Familie erkl\u00e4rt in der Schweiz gerade einmal 16,2 Prozent der Einkommensunterschiede. Der Rest \u2014 mehr als vier F\u00fcnftel \u2014 hat mit der Herkunft schlicht nichts zu tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man lasse sich diese Zahl auf der Zunge zergehen. In Deutschland und den USA ist der Familieneinfluss deutlich gr\u00f6sser; amerikanische Bruderkorrelationen erreichen Werte von fast 0,5, w\u00e4hrend die Schweiz n\u00e4her bei Skandinavien liegt, dem Gelobten Land der Chancengleichheit. Die Schweiz, dieses angebliche Bollwerk aus Erbschaften, Vitamin B und Zunftbeziehungen, ist sozial durchl\u00e4ssiger als ihr Ruf. Das ist kein Zufall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forscher haben es sich nicht leicht gemacht. Statt der \u00fcblichen Eltern-Kind-Vergleiche haben sie Geschwister untersucht \u2014 ein cleverer Kniff, denn Geschwister teilen weit mehr als nur das elterliche Einkommen. Dasselbe Quartier, dieselbe Schule, dieselben Freunde, denselben K\u00fcchentisch mit denselben Predigten. Wenn also irgendetwas den Familieneinfluss einfangen kann, dann diese Methode. Und selbst sie findet: erstaunlich wenig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch spannender wird es beim zweiten Befund. Die \u00d6konomen haben den ganzen Katalog durchgerechnet, den man \u00fcblicherweise f\u00fcr den Erfolg der Kinder verantwortlich macht: Einkommen der Eltern, Bildung, Beruf, Herkunftsland, Konfession, Zivilstand, Sprache, Familiengr\u00f6sse. Alles zusammengenommen. Und alles zusammengenommen erkl\u00e4rt weniger als zw\u00f6lf Prozent der Geschwister-\u00c4hnlichkeit. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie illustriert das ausgerechnet an Michael Jackson \u2014 zehn Geschwister, fast alle erfolgreich im Musikgesch\u00e4ft. Der perfekte Gegenbeweis, k\u00f6nnte man meinen. Oder eben der Sonderfall, der die Regel verdeckt: F\u00fcr jede Familie Jackson laufen zehntausend Geschwisterpaare in alle Richtungen davon. Der eine wird Filialleiter, die andere \u00c4rztin, der dritte macht irgendwas mit Krypto.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bleibt darum dabei: Die Kinder vom Parkring und von der Waffenplatzstrasse landen sehr viel h\u00e4ufiger im selben Leben, als es der H\u00f6henunterschied vermuten l\u00e4sst. Der Hang trennt die H\u00e4user. Die Menschen trennt er sp\u00fcrbar weniger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist mehr als eine akademische Fussnote. Kaum eine Session vergeht in Bern, ohne dass von links die Chancenungleichheit beschworen wird: Der Aufstieg sei verbaut, das Elternhaus entscheide alles, wer unten geboren werde, bleibe unten. Es ist die Gr\u00fcndungserz\u00e4hlung eines ganzen politischen Lagers \u2014 und die Rechtfertigung f\u00fcr jede neue Umverteilung. Nur stimmt sie f\u00fcr die Schweiz nicht. Die Daten sagen das glasklar. Wer hier behauptet, die Herkunft sei Schicksal, redet nicht \u00fcber die Schweiz, sondern \u00fcber Amerika. Oder \u00fcber ein Land, das er sich zurechtlegt, weil es die eigene politische Agenda st\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und hier h\u00f6rt der Spass auf. Denn das Gerede von der zementierten Ungleichheit ist nicht bloss falsch \u2014 es ist sch\u00e4dlich. Wer einem sechzehnj\u00e4hrigen Lehrling einredet, das System sei gegen ihn, die W\u00fcrfel l\u00e4ngst gefallen, sein Effort vergeblich, der nimmt ihm genau das, was ihn tats\u00e4chlich weiterbringt: die \u00dcberzeugung, dass es sich lohnt. Determinismus ist eine sich selbst erf\u00fcllende Prophezeiung. Er entmutigt jene, die es packen k\u00f6nnten, und liefert jenen die Ausrede, die es gar nicht erst versuchen. Eine Gesellschaft, die ihren Jungen erz\u00e4hlt, Herkunft sei alles, produziert am Ende genau die Unbeweglichkeit, die sie zu bek\u00e4mpfen vorgibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wahrscheinlichste Erkl\u00e4rung f\u00fcr die offene Schweizer Gesellschaft ist n\u00e4mlich kein Steuertarif, sondern die Berufslehre. Das duale Bildungssystem mit seiner hohen Durchl\u00e4ssigkeit zwischen Handwerk und H\u00f6rsaal. Wer hierzulande keine akademischen Eltern hat, landet nicht automatisch im Abseits, sondern wom\u00f6glich auf einer Baustelle, die zur Bauleitung f\u00fchrt, die zum eigenen Betrieb f\u00fchrt. Das oft bel\u00e4chelte System der Lehre \u2014 es ist der stille Gleichmacher, den keine Verteilungspolitik je erfunden hat. Man m\u00fcsste es nur loben, statt es zu akademisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende der F\u00fchrung geht die Diskussion manchmal weiter. Und der H\u00f6henunterschied ist unver\u00e4ndert. Die Villen bleiben oben, die Siedlungen unten. Aber wer daraus schliesst, auch die Menschen blieben, wo sie geboren wurden, der liegt mit rund 84 Prozent Wahrscheinlichkeit daneben. Nur weiss er es nicht. Und will es, wenn er in Bern links politisiert, auch gar nicht wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/admin.iwp.swiss\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Review-of-Income-and-Wealth-2026-The-Mystery-of-Success.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Review of Income and Wealth 2026<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bild des Verfassers: Garten der Villa Maria am Parkring<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-social-links is-layout-flex wp-block-social-links-is-layout-flex\"><li class=\"wp-social-link wp-social-link-gravatar wp-block-social-link\"><a rel=\"me\" href=\"https:\/\/gravatar.com\/heroica306926b99\" class=\"wp-block-social-link-anchor\"><svg width=\"24\" height=\"24\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.1\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" aria-hidden=\"true\" focusable=\"false\"><path d=\"M10.8001 4.69937V10.6494C10.8001 11.1001 10.9791 11.5323 11.2978 11.851C11.6165 12.1697 12.0487 12.3487 12.4994 12.3487C12.9501 12.3487 13.3824 12.1697 13.7011 11.851C14.0198 11.5323 14.1988 11.1001 14.1988 10.6494V6.69089C15.2418 7.05861 16.1371 7.75537 16.7496 8.67617C17.3622 9.59698 17.6589 10.6919 17.595 11.796C17.5311 12.9001 17.1101 13.9535 16.3954 14.7975C15.6807 15.6415 14.711 16.2303 13.6325 16.4753C12.5541 16.7202 11.4252 16.608 10.4161 16.1555C9.40691 15.703 8.57217 14.9348 8.03763 13.9667C7.50308 12.9985 7.29769 11.8828 7.45242 10.7877C7.60714 9.69266 8.11359 8.67755 8.89545 7.89537C9.20904 7.57521 9.38364 7.14426 9.38132 6.69611C9.37899 6.24797 9.19994 5.81884 8.88305 5.50195C8.56616 5.18506 8.13704 5.00601 7.68889 5.00369C7.24075 5.00137 6.80979 5.17597 6.48964 5.48956C5.09907 6.8801 4.23369 8.7098 4.04094 10.6669C3.84819 12.624 4.34 14.5873 5.43257 16.2224C6.52515 17.8575 8.15088 19.0632 10.0328 19.634C11.9146 20.2049 13.9362 20.1055 15.753 19.3529C17.5699 18.6003 19.0695 17.241 19.9965 15.5066C20.9234 13.7722 21.2203 11.7701 20.8366 9.84133C20.4528 7.91259 19.4122 6.17658 17.892 4.92911C16.3717 3.68163 14.466 2.99987 12.4994 3C12.0487 3 11.6165 3.17904 11.2978 3.49773C10.9791 3.81643 10.8001 4.24867 10.8001 4.69937Z\" \/><\/svg><span class=\"wp-block-social-link-label screen-reader-text\">Gravatar<\/span><\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich Architekturf\u00fchrungen durch das Enge-Quartier durchf\u00fchre, bemerken viele G\u00e4ste einen Kontrast: Oben am Parkring die Belle-\u00c9poque-Villen, herrschaftlich, mit Blick \u00fcber den See. 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