{"id":4092,"date":"2026-06-01T11:59:11","date_gmt":"2026-06-01T09:59:11","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=4092"},"modified":"2026-06-01T11:59:12","modified_gmt":"2026-06-01T09:59:12","slug":"deckel-drauf-und-gut-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/deckel-drauf-und-gut-ist\/","title":{"rendered":"Deckel drauf, und gut ist?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es k\u00f6nnte ein Wanderweg sein. Nur die gelben Markierungen fehlen. Ich folge der F\u00e4hrte auf dem Schotterpfad in n\u00f6rdliche Richtung. Die Sicht nach vorn ist weit und offen, der Himmel spannt sich makellos blau. Dort in der Luft steigen Passagierflugzeuge im Minutentakt auf \u2013 ihr L\u00e4rm ist un\u00fcberh\u00f6rbar, ihre Silhouetten scharf gezeichnet. Die unmittelbare N\u00e4he des Flughafens und die rastlose Baut\u00e4tigkeit rund um das Areal zeigen deutlich: Das ist kein Naturraum, sondern ein urbanes Konstrukt unter Stress.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Betonbr\u00fcstung, die massive Fernw\u00e4rmezentrale, die Fahrzeuglawinen direkt unter mir \u2013 die Illusion eines Naturpfads zerbricht schnell. Die architektonisch gestaltete Struktur wird sp\u00e4testens bei der Strassenkreuzung mit ihren komplexen Signalanlagen zur unangenehmen Realit\u00e4t. Der \u00dcberlandpark kaschiert sein wahres Wesen: Er ist ein L\u00e4rmschutzdeckel \u00fcber einer Hochleistungs-Autobahn, ein Palliativ f\u00fcr ein strukturelles Verkehrsproblem.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die unbeantwortete Kernfrage: F\u00fcr wen ist dieser Park?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1998 als reiner L\u00e4rmschutztunnel konzipiert, wurde das Infrastrukturprojekt nach anderthalb Jahrzehnten zum \u00abUeberlandpark\u00bb umbenannt. Diese Umetikettierung ist kein harmloses Rebranding \u2013 sie ist ein PR-Kalk\u00fcl zur Legitimation des Vorhabens im politischen Prozess. Die acht Meter hohe Einhausung schafft keine echte Quartierverbindung zwischen Dreispitz und Schwamendingen. Sie errichtet einen Riegel, der die beiden Quartiere faktisch weiter trennt, statt sie zusammenzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der mikroklimatische Mehrwert ist messbar und f\u00fcr Anwohner sp\u00fcrbar: Die L\u00e4rmbelastung sinkt um bis zu 30 Dezibel,<sup>1<\/sup>&nbsp;die Lebensqualit\u00e4t verbessert sich, das Wohnraumangebot w\u00e4chst. Diese Verbesserungen sind real und wertvoll. Doch diese Aufwertung hat einen Preis, den nicht alle zahlen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Empirisch absehbar: Zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner werden die Mietzinsen im aufgewerteten Quartier langfristig nicht mehr bezahlen k\u00f6nnen. Die soziale Durchmischung, die Dreispitz und Schwamendingen charakterisiert, gef\u00e4hrdet sich selbst durch den Erfolg dieser architektonischen Intervention.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die stille sozio\u00f6konomische Transformation<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gef\u00fchl der Entfremdung, das den Spaziergang pr\u00e4gt, hat eine strukturelle Ursache: Die bauliche \u00dcberformung des Raums geht mit einer sozio\u00f6konomischen Transformation einher. Die Einhausung ist zwar ein architektonisches Objekt, aber auch ein st\u00e4dtebaulicher Widerspruch. Sie ordnet den Raum neu und setzt eine soziale Umformung in Gang.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Infolge bewirkt der L\u00e4rmschutz hier Gentrifizierung. Ein gr\u00fcner Wanderweg auf dem \u00abDeckel\u00bb \u00fcber der Autobahn hilft denen, die bleiben k\u00f6nnen. Er verdr\u00e4ngt diejenigen, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen. So paradox es klingt: Die Infrastruktur, die das Wohnumfeld verbessert, zerst\u00f6rt die soziale Substanz jener Quartiere, die sie retten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em><strong>1<\/strong>&nbsp;Die Dezibel-Zahl st\u00fctzt sich auf folgende Aussage \u00abIn unmittelbarer N\u00e4he zur Autobahn sollen mit der Einhausung die L\u00e4rmwerte auf ertr\u00e4gliche 42 Dezibel (dB) sinken von aktuell am Tag gemessenen 72 dB. Es handelt sich somit um einen Planungswert, der allerdings bisher nie dementiert wurde. Quelle: Stefan Schmid, \u00abEinhausung Schwamendingen: Von der L\u00e4rmw\u00fcste zur Savanne\u00bb, in: Baublatt, Nr. 28, 15. Juli 2016, S. 16.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anmerkung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dieser Beitrag wurde im Rahmen meines Studiums MAS gta an der ETH Z\u00fcrich verfasst und erschien auf der <a href=\"https:\/\/www.espazium.ch\/de\/aktuelles\/einhausung-schwamendingen-eth-jean-marc-hensch\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.espazium.ch\/de\/aktuelles\/einhausung-schwamendingen-eth-jean-marc-hensch\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Plattform espazium<\/a>. Ich danke Maria-Theresa Lampe von der Redaktion f\u00fcr die wertvollen Inputs, die sie bei der Erarbeitung dieser Architekturkritik eingebracht hat. Illustration: Google Gemini: Nano Banana 2.0, auf Basis eines eigenen Fotos.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es k\u00f6nnte ein Wanderweg sein. Nur die gelben Markierungen fehlen. 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