{"id":3930,"date":"2025-09-22T10:59:57","date_gmt":"2025-09-22T08:59:57","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3930"},"modified":"2025-09-22T13:08:47","modified_gmt":"2025-09-22T11:08:47","slug":"belle-epoque-am-bleicherweg-ein-wegweisendes-ensemble-von-chiodera-tschudy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/belle-epoque-am-bleicherweg-ein-wegweisendes-ensemble-von-chiodera-tschudy\/","title":{"rendered":"Belle \u00c9poque am Bleicherweg: Ein wegweisendes Ensemble von Chiodera &amp; Tschudy"},"content":{"rendered":"\n<p>Als ehemaliger Pr\u00e4sident des Quartiervereins Enge organisiere ich gelegentlich F\u00fchrungen durch mein Quartier und begegne dabei immer wieder der H\u00e4userzeile von Chiodera &amp; Tschudy am Bleicherweg. Meine Faszination f\u00fcr dieses Ensemble, und f\u00fcr die Belle \u00c9poque generell, hat mich dazu bewogen, es mittels einer Semesterarbeit im Rahmen meines Studiums an der ETH Z\u00fcrich eingehend zu untersuchen. Ich ging von der Hypothese aus, dass die Architekten mit diesen Bauten eine vielschichtige Strategie verfolgten: Sie wollten die Geb\u00e4ude nicht nur als Kapitalanlage und Altersvorsorge nutzen, sondern auch als Experimentierfeld f\u00fcr ihre architektonischen Ideen, als Marketinginstrument f\u00fcr ihr Schaffen und als Gesch\u00e4ftssitz.<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Recherche habe ich mich prim\u00e4r auf Sekund\u00e4rquellen wie amtliche Dokumente, zeitgen\u00f6ssische Medien und kunsthistorische Publikationen gest\u00fctzt, da es keinen Nachlass des Architekturb\u00fcros gibt. Offenbar haben die Erben die Dokumente in den 1950er-Jahren vernichtetet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Enge als idealer Standort in der Belle \u00c9poque <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Baugeschichte des Ensembles ist eng mit der rasanten Stadtentwicklung Z\u00fcrichs und insbesondere der Eingemeindung der Enge im Jahr 1893 verbunden. Die Enge profitierte enorm von den Seeuferanlagen und entwickelte sich zu einem wohlhabenden Quartier. Der Bleicherweg war eine wichtige Verkehrsachse und bot sich als Standort f\u00fcr Wohn- und Gesch\u00e4ftsh\u00e4user an. Offenbar war das Areal, auf dem das Ensemble steht, ein &#8220;Restgrundst\u00fcck&#8221;, das f\u00fcr grosse Bauspekulanten unattraktiv war. Dies k\u00f6nnte der Grund sein, warum Chiodera &amp; Tschudy \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit hatten, das Grundst\u00fcck zu erwerben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcnf Geb\u00e4ude am Bleicherweg 37-47 sind ein hervorragendes Beispiel f\u00fcr das Schaffen von Chiodera &amp; Tschudy. Sie zeigen eine stilistische Vielfalt vom Historismus bis zum Jugendstil. Das \u00abChachelihuus\u00bb (Bleicherweg 47) ist besonders faszinierend, da es eine bewusste Abkehr vom etablierten Stil darstellt und mit seinen Kacheln und dem grossen Atelierfenster ein experimenteller Bau war. Es diente nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als k\u00fcnstlerisches Atelier f\u00fcr Alfred Chiodera.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Architekturb\u00fcro expandiert, testet, stellt aus und etabliert sich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Meine Analyse der Eigentumsverh\u00e4ltnisse und der Mieterstruktur hat ergeben, dass die urspr\u00fcngliche These einer rein renditeorientierten Kapitalanlage nicht uneingeschr\u00e4nkt haltbar ist. Vielmehr diente das Ensemble in erster Linie als &#8220;Katalog&#8221; der gestalterischen Leistungsf\u00e4higkeit des B\u00fcros. Der Bau war zudem der Firmensitz der beiden Architekten und ein strategisches Instrument, um ihre Marktposition zu st\u00e4rken. Dies steht im Gegensatz zu risikofreudigeren Unternehmern wie Heinrich Ernst. Die Tatsache, dass sich die Bauarbeiten \u00fcber ein Jahrzehnt erstreckten, erkl\u00e4rt sich auch durch den konservativen Ansatz von Chiodera &amp; Tschudy, welche die Bauten schrittweise mit dem eigenen erwirtschafteten Kapital und massvollen Hypotheken finanzierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenfassend zeigt die Arbeit, wie sich in der Belle \u00c9poque ein Architekturb\u00fcro strategisch positionierte und weiterentwickelte. Dabei waren \u00e4sthetische Innovation, wirtschaftliches Kalk\u00fcl und urbane Entwicklung in Z\u00fcrich eng miteinander verwoben.<\/p>\n\n\n\n<p>PS: Ein grosses Dankesch\u00f6n den Mitarbeitenden der ETH-Baubibliothek, des Staatsarchivs, des Baugeschichtlichen Archivs, des Amts f\u00fcr St\u00e4dtebaus und des Stadtarchivs der Stadt Z\u00fcrich, welche mich im Rahmen der Recherchen unkompliziert und kompetent unterst\u00fctzt haben. Ich bedanke mich ferner bei Anita Gut, Clemens Schuster und Tuba Edis f\u00fcr ihre hilfreichen Anmerkungen.<\/p>\n\n\n\n<div data-wp-interactive=\"core\/file\" class=\"wp-block-file\"><object data-wp-bind--hidden=\"!state.hasPdfPreview\" hidden class=\"wp-block-file__embed\" data=\"https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Ensemble-Bleicherweg-2025.pdf\" type=\"application\/pdf\" style=\"width:100%;height:600px\" aria-label=\"Embed of Ensemble Bleicherweg 2025.\"><\/object><a id=\"wp-block-file--media-1116c1ea-ebbb-4122-ab22-f82c608c597d\" href=\"https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Ensemble-Bleicherweg-2025.pdf\">Ensemble Bleicherweg 2025<\/a><a href=\"https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Ensemble-Bleicherweg-2025.pdf\" class=\"wp-block-file__button wp-element-button\" download aria-describedby=\"wp-block-file--media-1116c1ea-ebbb-4122-ab22-f82c608c597d\">Herunterladen<\/a><\/div>\n\n\n\n<p><em>Bildnachweis: Adolf Moser, Baugeschichtliches Archiv der Stadt Z\u00fcrich, 1904<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ehemaliger Pr\u00e4sident des Quartiervereins Enge organisiere ich gelegentlich F\u00fchrungen durch mein Quartier und begegne dabei immer wieder der H\u00e4userzeile von Chiodera &amp; Tschudy am Bleicherweg. 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