{"id":3789,"date":"2023-10-12T19:18:32","date_gmt":"2023-10-12T17:18:32","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3789"},"modified":"2023-10-12T19:18:32","modified_gmt":"2023-10-12T17:18:32","slug":"auf-dem-oekotrip","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/auf-dem-oekotrip\/","title":{"rendered":"Auf dem \u00d6kotrip"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wenn man es genau nimmt, ist es ziemlich kompliziert, Umwelteinwirkungen zu messen.<\/h4>\n\n\n\n<p>In kaum einem Bereich kommen wir noch ohne CO<sub>2<\/sub>-Bilanzen aus, in der IT sind wir es gewohnt, gerade beim Cloud Computing oder Streaming, diesen Faktor mit einzubeziehen. Aus der EU kommen seit kurzem Regelungsvorschl\u00e4ge f\u00fcr eineK limakennzeichnung von Lebensmitteln, im Fleischbereich und bei den unz\u00e4hligen Milchalternativen l\u00e4uft die Diskussion schon l\u00e4nger. Ich wette, es wird nicht lange dauern, bis es auch hierzulande entsprechende Vorst\u00f6sse gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich vor vier Monaten beschrieben habe, wie in der Finanzbranche mit der Umwelt Schindluder getrieben wird (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-geld-oder-gewissen-20230613\" target=\"_blank\">Stichwort Greenwashing<\/a>), geht es mir heute darum, die Komplexit\u00e4t der Messung von Umweltwirkungen aufzuzeigen. In der politischen Diskussion wird uns vorgegaukelt, es sei alles ganz einfach: Zu jedem Produkt und zu jeder Aktivit\u00e4t gebe es einfach eine Anzahl Tonnen CO<sub>2<\/sub> pro Output-Einheit, und damit sei alles klar, gut oder schlecht. Dem ist aber nicht so.<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-auf-dem-okotrip-20231010#immer-laengere-lieferketten\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Immer l\u00e4ngere Lieferketten<\/h2>\n\n\n\n<p>Um zu wissen, wie viele Tonnen CO<sub>2<\/sub> ein Produkt im Vergleich zu einem anderen Produkt mehr ausst\u00f6sst, muss ich herausfinden, wie alle Komponenten und Vorstufen entstanden sind, welche Rohstoffe mit wie viel Energie welcher Herkunft eingesetzt wurden. In der IT kommt erschwerend hinzu, dass es eine Vielzahl von Modulen und Baugruppen gibt, die von einer Unzahl von Lieferanten und Sublieferanten stammen. Im Laufe der Zeit werden auch Chargen an andere Lieferanten vergeben, sodass sich die Werte wieder \u00e4ndern. Das muss ich \u00fcbrigens nicht nur f\u00fcr mein Produkt herausfinden, sondern auch f\u00fcr das Vergleichsangebot. Selbst wenn ich die Zahlen von allen meinen Lieferanten bek\u00e4me, wie komme ich an die CO<sub>2<\/sub>-Werte von Konkurrenzprodukten, die zum Beispiel mit einer fr\u00fcheren oder anderen Technologie irgendwo auf der Welt hergestellt werden? Ich will mich hier nicht in Details verlieren, aber es muss jedem klar sein, dass bei der Ermittlung dieser Werte an allen Stellen Messfehler auftreten k\u00f6nnen, die sich kumulieren oder aufheben \u2013 wie soll man das wissen?<\/p>\n\n\n\n<p>Und manchmal gibt es keine konkreten Vergleichswerte, sodass ich auf Datenbanken zur\u00fcckgreife, die Durchschnittswerte anbieten (oder verkaufen). Aber damit entferne ich mich nat\u00fcrlich noch weiter von der konkreten Realit\u00e4t und den wahren Werten.<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-auf-dem-okotrip-20231010#co2-reicht-nicht\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">CO<sub>2<\/sub>&nbsp;reicht nicht<\/h2>\n\n\n\n<p>Angenommen, ich h\u00e4tte nun \u2013 trotz all dieser Unw\u00e4gbarkeiten und Probleme \u2013 einen CO<sub>2<\/sub>-Vergleichswert ermittelt, hilft mir das weiter? Nicht unbedingt, denn wenn wir \u00fcber das Klima sprechen, dann ist CO<sub>2<\/sub> zwar ein wichtiger Faktor, aber bei weitem nicht der einzige, weil eine Vielzahl von Treibhausgasen das Klima beeinflussen. Wenn ich 10 Tonnen CO<sub>2<\/sub> einspare, daf\u00fcr aber eine Tonne Methan zus\u00e4tzlich emittiere (zum Beispiel durch mehr furzende K\u00fche oder, f\u00fcr unsere Branche relevanter, durch austretendes Erdgas), habe ich dem Klima viel mehr geschadet, als wenn ich gar nichts getan h\u00e4tte. Der Grund: Methan ist 25-mal klimasch\u00e4dlicher als CO<sub>2<\/sub>. Allerdings gilt diese Aussage nur, wenn man einen Zeitraum von 100 Jahren zum Vergleich heranzieht, da sich die Klimawirkung (Global Warming Potential; GWP) \u00fcber die Zeit unterschiedlich entwickelt.<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-auf-dem-okotrip-20231010#punkte-sammeln-einmal-anders\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Punkte sammeln einmal anders<\/h2>\n\n\n\n<p>Hurra, ich habe nach langer Recherche und Analyse die richtigen GWP<sub>100<\/sub>-Werte ermittelt. Kann ich jetzt die Umweltauswirkungen genau beschreiben und vergleichen? Leider bin ich noch nicht am Ende. Unsere Welt besteht ja nicht nur aus Treibhausgasen (man mag es kaum glauben), sondern auch aus anderen Umweltfaktoren. Die wieder aufgeflammte Diskussion um Atomkraftwerke hat genau damit zu tun: Diese Art der Stromerzeugung ist sehr CO<sub>2<\/sub>-arm und wird trotzdem bek\u00e4mpft, weil sie andere umstrittene Umweltwirkungen hat. So konkurriert das Treibhauspotential mit der Radiotoxizit\u00e4t, dem Versauerungspotenzial oder dem Biodiversit\u00e4tsverlust und anderen Bereichen. Ein Vergleich solcher Faktoren erfolgt mit der Methode der \u00f6kologischen Knappheit und f\u00fchrt zu einem Vergleich der Umweltbelastungspunkte (UBP). Und auch hier gibt es wieder eine Besonderheit: Je nachdem, in welcher Region der Welt ich mich befinde, k\u00f6nnen sich die Werte der Umweltbelastungspunkte verschieben, da die Bedingungen nicht \u00fcberall gleich sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, dass ich an dieser Stelle nicht alle meine Leserinnen und Leser verloren habe, aber es war mir wichtig, diese Komplexit\u00e4t konkret aufzuzeigen. Was k\u00f6nnen Sie nun aus diesen Ausf\u00fchrungen mitnehmen?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Angabe \u00fcber CO<sub>2<\/sub>-Einsparungen oder \u00e4hnliches ist prim\u00e4r eine Marketingaussage. Wenn Sie damit beruflich zu tun haben, fragen Sie etwas genauer nach, was da wie berechnet wurde. Fragen Sie lieber nach GWP- oder UBP-Werten. Und wenn Sie ihr als Konsumentin begegnen, nun, dann k\u00f6nnen Sie die Zahl gleich wieder vergessen, denn sie sagt eigentlich nichts aus.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-auf-dem-okotrip-20231010\" target=\"_blank\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-ein-gutenberg-moment-20230509\" target=\"_blank\">\u201d<\/a>\u00a0auf inside-it.ch. Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@szmigieldesign?utm_content=creditCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=unsplash\">Lukasz Szmigiel<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/jFCViYFYcus?utm_content=creditCopyText&amp;utm_medium=referral&amp;utm_source=unsplash\">Unsplash<\/a>\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man es genau nimmt, ist es ziemlich kompliziert, Umwelteinwirkungen zu messen. 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