{"id":3776,"date":"2023-08-12T17:21:45","date_gmt":"2023-08-12T15:21:45","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3776"},"modified":"2023-08-12T17:21:46","modified_gmt":"2023-08-12T15:21:46","slug":"zahlen-wir-zu-wenig-steuern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/zahlen-wir-zu-wenig-steuern\/","title":{"rendered":"Zahlen wir zu wenig Steuern?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer im Raum Z\u00fcrich in der ICT-Branche arbeitet, ist entweder ein Schmarotzer oder ein Steuerhinterzieher. Das jedenfalls scheint der &#8216;Tages-Anzeiger&#8217; zu unterstellen, der in einem Artikel beklagt, dass ICT-Firmen in der Stadt Z\u00fcrich zu wenig Steuern zahlen. <a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/it-firmen-zahlen-in-zuerich-weniger-steuern-20230802\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Inside-it.ch berichtete dar\u00fcber. <\/a>Die statistische Grundlage f\u00fcr diese Behauptung ist folgende: Die Steuerertr\u00e4ge der 30 gr\u00f6ssten ICT-Unternehmen in der Stadt Z\u00fcrich seien in den letzten Jahren zur\u00fcckgegangen, w\u00e4hrend gleichzeitig die Zahl der Besch\u00e4ftigten in der Branche um \u00fcber 50% zugenommen habe. Die ICT-Branche wird dann mit dem Finanzsektor Z\u00fcrichs verglichen, um die ungen\u00fcgende Steuerleistung zu belegen. Aus diesen Zahlen wird eine ganze Reihe von Schlussfolgerungen gezogen und mit diversen Vermutungen angereichert. In einem Folgeartikel werden dann Politiker motiviert, ihrerseits zu spekulieren und daraus politische Forderungen zu formulieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Da wir uns im Sommerloch befinden, sind die Medienschaffenden nat\u00fcrlich besonders dankbar f\u00fcr den Stoff und die politischen Akteure lechzen vor den Wahlen im Herbst nach Aufmerksamkeit. Also einfach dar\u00fcber hinweggehen? F\u00fcr uns als Branchenvertreter gilt es dennoch, diese Aussagen ernst zu nehmen und dazu Stellung zu beziehen, denn bei n\u00e4chster Gelegenheit k\u00f6nnte es uns um die Ohren fliegen. Dann nicht mehr als Spekulation, sondern als scheinbar unbestrittene Fakten.<\/p>\n\n\n\n<p>Beginnen wir mit der Feststellung, dass die Steuerbelastung der 30 gr\u00f6ssten ICT-Unternehmen (nach Umsatz? Oder nach Gewinn?) nicht notwendigerweise mit der Gesamtbesch\u00e4ftigung in der Branche korreliert, womit die ganze Betrachtung ohnehin auf t\u00f6nernen F\u00fcssen steht. Aber es kann hier nicht darum gehen, Behauptungen mit Gegenbehauptungen zu bek\u00e4mpfen. Meine Hauptaussage ist, dass wir \u00fcberhaupt keine ausreichenden Grundlagen haben, um zu beweisen, dass die ICT-Industrie zu wenig Steuern zahlt. Schauen wir uns also die Situation genauer an.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00c4pfel mit Birnen vergleichen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Bereits im &#8216;Tages-Anzeiger&#8217;-Artikel wird kurz auf die Sitzproblematik hingewiesen, aber ihre Bedeutung wird v\u00f6llig verkannt. Unternehmen zahlen ihre Steuern mehrheitlich an ihrem Sitz und nicht am Ort der Leistungserbringung oder am Wohnort des Kunden. Das kann man kritisieren, und es gibt auch auf globaler Ebene Initiativen der OECD, diesen Zustand zu \u00e4ndern (<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/post\/von-hensch-zu-mensch-zeitenwende-im-steuersystem-20211109\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ich habe vor zwei Jahren in einer Kolumne dar\u00fcber berichtet<\/a>). Aus heutiger Sicht ist es aber unsinnig, einen Vergleich der lokalen Steuerertr\u00e4ge zwischen dem Finanzplatz Z\u00fcrich mit dem Sitz zahlreicher global engagierter Banken und Versicherungen und dem ICT-Standort Z\u00fcrich zu wagen: Es gibt keine einheimischen ICT-Grossunternehmen und nur wenige mittelgrosse Firmen, die zudem in spezialisierten Nischen t\u00e4tig sind und kaum als global agierend bezeichnet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens gibt es in Z\u00fcrich eine aktive und wachsende Startup-Community. Sch\u00e4tzungsweise 90% der Startups sind technologisch im ICT-Bereich t\u00e4tig (auch wenn sie sich manchmal eher der Branche zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, die sie disruptieren wollen). Diese Hunderte von Unternehmen wollen alle zu Einh\u00f6rnern werden, bestehen aber derzeit meist nur aus ihren Gr\u00fcndern, zahlen kaum Geh\u00e4lter, machen \u00fcber Jahre keine Gewinne, sondern h\u00e4ufen Verluste an. Nat\u00fcrlich zahlen sie keine Steuern und dr\u00fccken damit das Steueraufkommen pro Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die \u00fcbrigen ICT-Unternehmen sind oft jung. Im Gegensatz zu vielen anderen KMU haben sie kaum Zeit gehabt, Reserven und R\u00fccklagen zu bilden, sondern m\u00fcssen st\u00e4ndig reinvestieren, um sich in einem dynamischen Markt zu bew\u00e4hren. Hinzu kommt, dass die Halbwertszeit von Innovationen in der ICT-Branche deutlich k\u00fcrzer ist als etwa im Finanzsektor.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Steuerreform greift (noch) nicht<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Die Vermutung, dass die ICT-Branche \u00fcberm\u00e4ssig von den steuerlichen Abzugsm\u00f6glichkeiten der Unternehmenssteuerreform STAF Gebrauch macht, erscheint wenig plausibel. Zum einen gilt die Reform erst ab 2020 und viele Unternehmen d\u00fcrften f\u00fcr die Folgejahre noch nicht definitiv veranlagt sein. Zum anderen ist zu beachten, dass bei der Einf\u00fchrung der sog. Patentbox gerade Software (mit wenigen Ausnahmen) ausgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Um den Beitrag eines Unternehmens zu den Finanzen eines Gemeinwesens zu messen, m\u00fcssen immer drei Komponenten betrachtet werden: Erstens: Wie viel zahlt das Unternehmen selbst an Steuern? Zweitens: Welche Steuereinnahmen l\u00f6st das Unternehmen durch Auftr\u00e4ge an Zulieferer und lokale Subunternehmer aus? Und drittens: Wie viel Steuern zahlen die Mitarbeitenden vor Ort? Insofern beisst sich der Vorwurf linker Politikerinnen und Politiker, wonach die ICT-Firmen zu wenig Steuern zahlen, mit der Kritik von der gleichen Seite, ICT-Angestellte w\u00fcrden aufgrund astronomisch hoher L\u00f6hne die Stadt weiter gentrifizieren und die einkommensschw\u00e4chere Bev\u00f6lkerung vertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Punkt stimme ich dem &#8216;Tagi&#8217;-Journalisten zu: Der von ihm beschriebenen Entwicklung muss auf den Grund gegangen werden. Nicht mit Mutmassungen und Spekulationen, sondern mit einer sauberen Analyse.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-zahlen-wir-zu-wenig-steuern-20230808\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-ein-gutenberg-moment-20230509\" target=\"_blank\">\u201d<\/a> auf inside-it.ch. Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/@rumanamin?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Rumman Amin<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/0pP_ekTFcvk?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer im Raum Z\u00fcrich in der ICT-Branche arbeitet, ist entweder ein Schmarotzer oder ein Steuerhinterzieher. 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