{"id":3747,"date":"2023-03-15T13:45:25","date_gmt":"2023-03-15T12:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3747"},"modified":"2023-03-15T13:45:26","modified_gmt":"2023-03-15T12:45:26","slug":"es-gruent-so-gruen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/es-gruent-so-gruen\/","title":{"rendered":"Es gr\u00fcnt so gr\u00fcn"},"content":{"rendered":"\n<p>Regen Sie sich jeweils auch auf, wenn Sie als Hotelgast im Bad mit folgendem Schildchen bel\u00e4stigt werden: &#8220;K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, wie viele Tonnen Handt\u00fccher weltweit jeden Tag umsonst gewaschen werden und wie stark Waschmittel die Natur belasten?&#8221; Immerhin kann die Hotellerie in Anspruch nehmen, das Genre des Greenwashing schon vor Jahrzehnten kreiert zu haben, das erst in letzter Zeit medial zu voller Bl\u00fcte erwacht ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht darum, dass sich Firmen einen \u00f6kologischen Anstrich geben, ohne daf\u00fcr wirklich etwas zu tun. In Wirklichkeit geht es hier dem Hotel einfach darum, Personal- und Reinigungskosten zu sparen. Dies ist grunds\u00e4tzlich nicht falsch, aber kann nicht als Leistung f\u00fcr die Umwelt verkauft werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Seither haben andere Industrien das Greenwashing jedoch in ganz andere Sph\u00e4ren gehoben, was zu grossen gesellschaftlichen Debatten, viel Medienaufmerksamkeit und damit zu politischem Druck gef\u00fchrt hat. Im Finanzbereich droht gegenw\u00e4rtig eine heftige Regulierungswelle, weil Banken und insbesondere Fondsanbieter beim gr\u00fcnen Anstrich von Investments massiv \u00fcbermarcht haben. Ich konzentriere mich nun aber auf den ICT-Bereich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">ICT steht gut da<\/h2>\n\n\n\n<p>Hier haben wir eine gute Ausganslage. Denn die meisten \u00f6kologischen Massnahmen machen auch kommerziell Sinn, die ber\u00fchmte Win-Win-Situation. Dazu geh\u00f6ren die Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs sowie der Schadstoffemissionen in der Herstellung. Auch die Senkung von Energieverbrauch und Abw\u00e4rme in der Nutzung sowie das Recycling und die energiesparende Entsorgung sind dazu zu z\u00e4hlen, weil sie zwar erst beim Kunden anfallen, aber im Rahmen einer Cost-of-Ownership-Betrachtung das Produkt ebenfalls g\u00fcnstiger machen. Auch Green Software Engineering geh\u00f6rt dazu, indem ressourcensparend programmiert wird. Dass sich in all diesen Bereich wirklich viel tut, liess sich Anfang Jahr gut an der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas beobachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft dient die IT auch der Reduktion des Energieverbrauchs an anderer Stelle, z.B. in der Fertigung oder bei der Regelung von Heizsystemen. Und da es sich bei ICT meist um hochmargige Produkte handelt, ist auch die Umstellung auf erneuerbare und damit klimaschonende Energien kein Problem. So stellen immer mehr Rechenzentren konsequent auf CO2-freien Betrieb um.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Also alles paletti?<\/h2>\n\n\n\n<p>Es gibt durchaus offene Fragen zu dieser scheinbar makellosen Bilanz. So ist ein nachhaltiges Design zur Herstellung m\u00f6glichst langlebiger Produkte nicht immer im Gleichklang mit dem kommerziellen Interesse des Herstellers, was in der \u00d6ffentlichkeit von Zeit zu Zeit thematisiert wird. Man muss das M\u00e4rchen der &#8220;Geplanten Obsoleszenz&#8221; nicht glauben, und sollte doch anerkennen, dass es da zu Interessenkonflikten kommen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sobald ich die Systemgrenzen etwas nach aussen verschiebe, wird es tricky: Da die Effizienzsteigerung oft mit Kosteneinsparungen beim Verbraucher einhergeht, f\u00fchrt dies dazu, dass mehr Produkte erworben werden, diese st\u00e4rker genutzt werden. Oder Konsumenten verwenden die damit eingesparten Mittel f\u00fcr andere energiefressende Produkte und Dienstleistungen. Der Ersatzkonsum (&#8220;Reboundeffekt&#8221;) ist mittlerweile in vielen Bereichen gut dokumentiert (Wieviele TV-Ger\u00e4te oder Bildschirme stehen in Ihrem Haushalt vs. vor 30 Jahren?). Wobei der Effekt eigentlich gegen unsere Intuition verst\u00f6sst: Wer First Class fliegt und dabei etwa 10x soviel bezahlt wie als Passagier in der Holzklasse und das Klima dabei mit seinem Flug drei Mal st\u00e4rker belastet (das sind realistische Werte), schadet der Umwelt per Saldo weniger, als wenn er stattdessen mit dem gleichen Geld zehn Economy-Fl\u00fcge unternimmt. Diesem Effekt ist fast nicht beizukommen: Verbote oder die Wegbesteuerung von Effizienzgewinnen sind m\u00f6gliche Wege, die aber wohl weder letztlich zielf\u00fchrend noch mehrheitsf\u00e4hig sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wir betr\u00fcgen uns gerne selbst<\/h2>\n\n\n\n<p>Damit kommen wir mit einem zweiten Effekt zur\u00fcck zum Greenwashing. Die Konsumenten lechzen nach gr\u00fcnen Labels und CO2-Zertifikaten, weil sie ihnen das Gef\u00fchl geben, etwas Gutes zu tun und der Umwelt zu helfen. Das w\u00e4re nicht weiter schlimm, wenn es nicht dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass ein gutes Gewissen dazu f\u00fchrt, dass man sich daf\u00fcr in anderen Bereichen gehen l\u00e4sst: &#8220;Ich bin so oft mit dem Velo gefahren, dass ich mir jetzt auch einmal einen Flug nach Mallorca leisten kann.&#8221; Da wir unsere positiven Leistungen \u00fcber- und unsere &#8220;negativen&#8221; tendenziell unterbewerten, f\u00fchrt dieses sogenannte &#8220;Moral Licencing&#8221; oft zu einem \u00fcberschiessenden Effekt, weshalb man hier auch von einem mentalen Reboundeffekt sprechen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle diese Reboundeffekte kann die Branche nat\u00fcrlich nichts, es geht hier um energie\u00f6konomische Gesetzm\u00e4ssigkeiten. Und doch sollten wir bei allem Stolz \u00fcber das technisch Geleistete unseren Beitrag zur Klimafrage in \u00d6ffentlichkeit und Politik nicht &#8220;\u00fcberverkaufen&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen den Rahmen sogar noch etwas weiter spannen und uns fragen, ob das, was wir in der ICT anbieten, auch die Energie wert ist, die wir daf\u00fcr aufwenden. Damit stossen wir zur Sinnfrage vor: Ist, wenn das entsprechende Rechenzentrum hocheffizient und CO2-neutral betrieben wird, der Bold-Glamour-Filter von TikTok ein \u00f6kologisch wertvolles Produkt?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-es-gruent-so-gruen-20230314\" target=\"_blank\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d<\/a> auf inside-it.ch.<\/em> <em>Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@michael_marais?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Michael Marais<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/de\/fotos\/HjV_hEECgcM?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regen Sie sich jeweils auch auf, wenn Sie als Hotelgast im Bad mit folgendem Schildchen bel\u00e4stigt werden: &#8220;K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, wie viele Tonnen Handt\u00fccher weltweit jeden Tag umsonst gewaschen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3748,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[83,90,91],"tags":[],"class_list":["post-3747","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ict","category-kommunikation","category-politik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3747"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3750,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3747\/revisions\/3750"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3748"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}