{"id":3650,"date":"2022-10-12T00:11:38","date_gmt":"2022-10-11T22:11:38","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3650"},"modified":"2022-10-12T00:11:40","modified_gmt":"2022-10-11T22:11:40","slug":"jetzt-werde-ich-mal-energisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/jetzt-werde-ich-mal-energisch\/","title":{"rendered":"Jetzt werde ich mal energisch"},"content":{"rendered":"\n<p>Mittlerweile sprechen alle \u00fcber die Energiekrise in unserem Land. Also auch ich. Es ist allerdings unbegreiflich, wieso das Thema erst jetzt die \u00d6ffentlichkeit erreicht hat. Schon seit mehreren Jahren zeichnet sich Strommangel ab \u2013 die zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde Elcom hat schon vor vier Jahren sehr energisch darauf hingewiesen. Allerdings haben Exekutiven und Parlamente dies geflissentlich \u00fcberh\u00f6rt, und auch die Medien haben es als Panikmache abgetan. Schon klar: Es passte nicht ins Narrativ des Atomausstiegs und der Priorisierung der erneuerbaren Energien.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst nach dem 24. Februar haben viele das Problem kleingeredet. Doch jetzt pl\u00f6tzlich kann man angesichts des nahenden Winters auch in der Tagespresse nachlesen, was passiert, wenn es zum Blackout kommt. Mich pers\u00f6nlich durchger\u00fcttelt haben zwei Erlebnisse: Vor einem Monat gingen bei uns im ganzen Quartier in Z\u00fcrich gegen Abend die Lichter aus \u2013 f\u00fcr sage und schreibe drei Stunden. Und vor ein paar Tagen befand ich mich an der US-Ostk\u00fcste im Auge des Hurrikans Ian und sah aus dem Fenster, wie die tobenden Elemente an den \u00fcberirdisch verlegten Stromleitungen zerrten. Zum Gl\u00fcck ging alles gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem bei der Energiepolitik ist, dass sie alle Branchen ganz massiv betrifft. Gerade wir in der ICT-Wirtschaft sind derart abh\u00e4ngig von Strom, dass wir uns unter allen Umst\u00e4nden f\u00fcr eine konsistente und tragf\u00e4hige Energiepolitik einsetzen m\u00fcssen. Ich w\u00fcnschte mir daher, dass die entsprechenden Verb\u00e4nde hier st\u00e4rkere Akzente setzen w\u00fcrden. Wir d\u00fcrfen das Thema keinesfalls den Energieversorgern und -importeuren allein \u00fcberlassen, welche sich vor allem um ihre eigene Kasse sorgen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elektrizit\u00e4t ist nicht alles<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn von Energie gesprochen wird, meint man in der Schweiz sehr oft nur Elektrizit\u00e4t. Wir sind dann sehr stolz auf unsere weitgehend CO2-freie Stromproduktion. Weil Strom jedoch nur 25% des gesamten Energieverbrauchs ausmacht und der Rest in hohem Mass aus fossilen Quellen stammt, ist weniger als ein Drittel der Energie hierzulande CO2-frei. Und auch bei der Elektrizit\u00e4t ist nicht alles eitel Sonnenschein, denn im Winter importieren wir massiv Kohlestrom aus Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p>Strom ist die effizienteste polyvalent einsetzbare Energieform, doch sie kommt nicht in der Natur vor und muss daher zuerst produziert werden. Mittlerweile ist zum Beispiel allen klar geworden, dass Gas f\u00fcr die Stromproduktion in Europa zentral ist. Ganz generell h\u00e4ngen die Energiem\u00e4rkte zusammen: Wenn der \u00d6lpreis steigt, wird auch dessen Substitutionsenergie Gas teurer, womit auch der Kohlepreis steigt, und dann der Preis f\u00fcr Brennholz ebenfalls (was sich dann sogar auf Bauholz auswirken kann). Dies wird sich im Verlauf der Zeit \u00e4ndern, aber erst, wenn erneuerbare Energie den Markt f\u00fcr Gesamtenergie wirklich dominiert und das Problem der Speicherung von Strom sp\u00fcrbar besser gel\u00f6st ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit komme ich zum Problem der internationalen Abh\u00e4ngigkeiten. Ein national autarkes Energiesystem ist zwar theoretisch auf der Basis rein erneuerbarer Energien m\u00f6glich, w\u00fcrde aber eine massive Skalierung der Produktionsmittel bedingen. Eine Vervielf\u00e4ltigung der Anlagen st\u00f6sst jedoch an Grenzen bez\u00fcglich Akzeptanz. Schon heute wird beklagt, dass Solaranlagen oder h\u00f6here Staumauern die Alpen verschandeln, dass Windr\u00e4der Bergk\u00e4mme verunzieren und V\u00f6gel zerhacken, oder dass Tiefengeothermie die Erdbebengefahr erh\u00f6ht und Grundwasserstr\u00f6me besch\u00e4digt. Immerhin beweisen die Entscheide des Parlaments der letzten Tage, dass Bewegung in die Sache kommt und man endlich den Ernst der Lage erkannt hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlechtere CO2-Bilanz kurzfristig verschmerzbar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir in Wirtschaft und Privathaushalten massiv sparen. Aber das wird nicht reichen. Die Schweizer Politik muss die ideologischen Scheuklappen ablegen, um dem drohenden Energiemangel zu begegnen. Dies bedeutet, dass in dieser aktuell kritischen Zeit sicher keine laufenden Kernkraftwerke heruntergefahren werden d\u00fcrfen, wie es in Deutschland diskutiert wird (und wie wir es leider in der Schweiz schon getan haben). Es bedeutet auch, dass wir das Notkraftwerk im Kanton Aargau erstellen und in Bereitschaft halten m\u00fcssen und dass bei Bedarf auch Abstriche bei den Restwassermengen m\u00f6glich sein sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir werden damit in den n\u00e4chsten ein, zwei Jahren eine schlechtere CO2-Bilanz aufweisen. Dies ist nicht gut, aber n\u00f6tig und auch verschmerzbar, denn der aktuelle Energieschock insbesondere beim Gas sowie die allgemeine Erh\u00f6hung der Energiepreise werden dazu f\u00fchren, dass die erneuerbaren Energien massiv Marktanteile gewinnen und sich unsere Klimabilanz sehr rasch deutlich verbessern wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was soll die ICT-Branche tun?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ist auch klar, dass Energieschleudern wie Bitcoin bzw. alle Kryptow\u00e4hrungen auf der Basis von Proof of Work keine Zukunft haben k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich betrifft die aktuelle Energiekrise prim\u00e4r &#8220;nur&#8221; Europa, aber die Auswirkungen auf andere Kontinente und insbesondere auf Entwicklungsl\u00e4nder werden nicht auf sich warten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Damit bleibt die Frage, was die ICT-Unternehmen neben dem politischen Einsatz ihrer Verb\u00e4nde noch tun k\u00f6nnen. Es ist sicher begr\u00fcssenswert, dass die grossen Cloud-Anbieter \u00fcber sehr gute Notstromversorgungen verf\u00fcgen. Aber damit ist es nicht getan: Jedes ICT-Unternehmen muss sich schnellstens \u00fcberlegen, was es selbst und bei seinen Kunden unternehmen kann, um Energie einzusparen oder effizienter zu nutzen. Dies geh\u00f6rt zwar auf die Traktandenliste jeder Unternehmensleitung, aber unsere Branche ist ganz besonders herausgefordert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-jetzt-werde-ich-mal-energisch-20221011\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d auf <\/a><a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-jetzt-werde-ich-mal-energisch-20221011\">inside<\/a><a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-jetzt-werde-ich-mal-energisch-20221011\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">-it.ch und inside-channels.ch<\/a><a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-rueckkehr-der-autarkie-20220412\">.<\/a><\/em> <em>Photo by&nbsp;<a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@dereksutton?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Derek Sutton<\/a>&nbsp;on&nbsp;<a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/solar-panel-installation?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mittlerweile sprechen alle \u00fcber die Energiekrise in unserem Land. 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