{"id":3629,"date":"2022-08-10T08:41:17","date_gmt":"2022-08-10T06:41:17","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3629"},"modified":"2022-08-10T08:41:19","modified_gmt":"2022-08-10T06:41:19","slug":"mit-layla-in-die-brass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/mit-layla-in-die-brass\/","title":{"rendered":"Mit Layla in die &#8220;Brass&#8221;"},"content":{"rendered":"\n<p>Zwei Belanglosigkeiten haben es in der Saure-Gurken-Zeit geschafft, nicht nur die sozialen, sondern auch die klassischen Medien zu echauffieren: Der von zwei DJs zusammengeschusterte Sommerschlager &#8220;Layla&#8221; wurde von deutschen Stadtverwaltungen als sexistisch beurteilt und auf den Index gesetzt. Die Verwendung des Wortes &#8220;Puffmama&#8221; und ein Reim von &#8220;Layla&#8221; auf &#8220;geiler&#8221; reichten daf\u00fcr aus. Was danach folgte, war f\u00fcr alle mit Ausnahme der teutonischen B\u00fcrokraten absehbar: Der Streisand-Effekt schlug unbarmherzig zu und das St\u00fcck eroberte die Hitparade nicht nur in Deutschland, sondern auch hierzulande.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig sp\u00e4ter wurde in der selbstverwalteten Berner Brasserie Lorraine (kurz &#8220;Brass&#8221;) ein Konzert abgebrochen, weil die Auff\u00fchrenden als Weisse Reggae spielten und teilweise erst noch Dreadlocks trugen. Diese Tatsachen hatten n\u00e4mlich bei einzelnen, sich nicht offen zu erkennen gebenden G\u00e4sten offenbar ein Unwohlsein ausgel\u00f6st, welches es aus Sicht der Betreiber unm\u00f6glich machte, das Konzert fertigzuspielen. Immerhin erhielten so die Twittosph\u00e4re und danach das allgemeine Publikum die Gelegenheit, den Begriff der kulturellen Aneignung (&#8220;cultural appropriation&#8221;) zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stellenmarkt im Umbruch<\/h2>\n\n\n\n<p>Nachdem sich nun alle, die glauben, etwas dazu zu sagen zu haben, ausgiebig zu diesem Thema selbst ge\u00e4ussert haben, werde ich mich h\u00fcten, meine Leserinnen und Leser damit zu bespassen (obwohl es mir nat\u00fcrlich in den Fingern juckt\u2026). Vielmehr geht es mir darum, wie wir in den Firmen damit umgehen, dass immer mehr vor allem junge Leute eine \u00dcberempfindlichkeit gegen\u00fcber allen Zumutungen der Welt entwickeln, mit welcher Boomer in Leitungsfunktionen (wie ich) kaum mehr klarkommen. In Zeiten des Fachkr\u00e4ftemangels und der generellen Personalknappheit ist dies kein vernachl\u00e4ssigbares Thema. Allerdings m\u00f6chte ich hier gleich einschr\u00e4nken: Ich spreche vom Bereich der h\u00f6her qualifizierten Berufe ohne k\u00f6rperlichen Einsatz oder industrielle Fertigung. In der IT-Branche untersch\u00e4tzen wir vielleicht, wie viele Menschen ausserhalb der Techwelt f\u00fcr uns t\u00e4tig sind, die nicht einfach nur via Tastatur arbeiten, sondern Kleinkinder betreuen, Toiletten reinigen, Kabel verlegen oder Pakete ausliefern.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, wir von der alten Garde glauben oft an Zeugnisse, Pr\u00e4senzzeit und Loyalit\u00e4t. Die Bedeutung dieser Werte ver\u00e4ndert sich aber gerade massiv, und der Corona-Schock mit Lockdowns und Home-Office-Zwang wirkt als Brandbeschleuniger. Daher gilt es, die Arbeit in den Firmen neu zu denken und zu organisieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zeugnisse, Pr\u00e4senzzeit und Loyalit\u00e4t out<\/h2>\n\n\n\n<p>Dabei kommt dem Anstellungsprozess eine entscheidende Rolle zu. Wenn ich zwischen zwei Personen w\u00e4hlen soll, welche grunds\u00e4tzlich die notwendigen Skills f\u00fcr eine Stelle erf\u00fcllen, werde ich nicht diejenige mit dem besseren Zeugnis w\u00e4hlen, sondern diejenige, die Pfadif\u00fchrerin war \u2013 oder vielleicht noch ist (um grad ein in diesem Sommer aktuelles Beispiel zu bringen). Die ausserberuflichen Aktivit\u00e4ten verraten sehr viel \u00fcber das Engagement, die Resilienz und das Engagement eines Menschen. Dies wird heute leider in den herk\u00f6mmlichen HR-Prozessen noch oft v\u00f6llig ausgeklammert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Pr\u00e4senzzeit m\u00fcssen wir ebenfalls umdenken. Die Dauer der am Arbeitsplatz verbrachten Zeit ist f\u00fcr die Produktivit\u00e4t immer irrelevanter, nicht bei der Migros-Kassiererin, aber bei den Berufen, um die es hier geht. Es muss andere Wege geben, um die Arbeitsleistung zu bemessen. Die agilen Entwicklungsmethoden mit ihren klar definierten Sprints sind zum Beispiel ein Weg, um aus dieser Zeitfalle zu kommen. Es ist mir vollkommen egal, wann, wo und wie lange gearbeitet wird, aber in zwei Wochen muss das Ergebnis da sein. Wer es nicht packt, muss mit der Zeit seine Sachen packen. Diejenige Pr\u00e4senzzeit, die unbedingt eingefordert werden muss, ist diejenige, die dem pers\u00f6nlichen Austausch und der Teamentwicklung gewidmet wird. Alles andere ist verzichtbar, wenn ich andere Metriken einsetzen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch davon, dass Vollzeit das Mass aller Dinge sei, sollte man sich schleunigst verabschieden. Zwar wird es unter 60% vielfach bei Stabs- und F\u00fchrungsfunktionen oder aus Gr\u00fcnden der Infrastruktur schwierig, aber alles dar\u00fcber muss m\u00f6glich sein \u2013 bei oft noch h\u00f6herer Produktivit\u00e4t als bei 100%. Und ja, mit Minimalisten wird es dabei m\u00fchsam, aber dies gilt unbeachtet des Pensums.<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fcher bestand oft ein impliziter Deal: Der Angestellte richtet seine pers\u00f6nliche Entwicklung (und die seiner Familie) nach den Bed\u00fcrfnissen des Unternehmens aus. Im Gegenzug bietet das Unternehmen dem Mitarbeitenden eine mehr oder weniger lebenslange Laufbahnentwicklung mit regelm\u00e4ssigen Verbesserungen (Funktion, Lohn, Bonus). Zu einem Langzeit-Commitment sind jedoch Firmen in einer sich sehr rasch ver\u00e4ndernden Welt nicht mehr in der Lage. Deshalb ist es auch logisch, dass Mitarbeitende sich prim\u00e4r nach ihren eigenen Interessen richten und ihr eigenes Leben optimieren, mit oder ohne Arbeitgeber. Wenn ich als Arbeitgeber diese Interessen kenne und sogar noch f\u00f6rdern kann, dann kann ich immerhin eine l\u00e4ngere Anstellungsdauer erwarten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wo bleibt der Sinn?<\/h2>\n\n\n\n<p>Wer heute als Arbeitgeber punkten will, muss einen neuen Begriff in den Mittelpunkt seiner Personalpolitik stellen: Sinnhaftigkeit (neudeutsch: Purpose). Leider wird mit diesem Wort heute viel Unfug betrieben: Purpose ist heute zur Marketing- und HR-Platit\u00fcde verkommen. H\u00e4tte die kalabresische Mafia eine Website, so w\u00fcrde auch sie dort stolz ein Statement zu ihrem Purpose formulieren. Dabei geht es eigentlich um etwas ganz Einfaches: Eine Arbeit leistet einen positiven Beitrag zum Leben von anderen Menschen und sch\u00e4digt niemanden. Wer immer eine Stelle ausschreibt, sollte sich daher \u00fcberlegen, wie er die Sinnhaftigkeit des Jobs umschreiben und vermitteln kann. In der Stellenanzeige, im Bewerbungsverfahren und nat\u00fcrlich im Job selbst. Und nur solche Leute anstellen, die in der Stelle diesen Purpose sehen und leben wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das heisst nicht, dass es nur noch f\u00fcr &#8220;woke&#8221; Berufe eine Zukunft gibt. Denn Sinnhaftigkeit ist etwas h\u00f6chst Individuelles, das von Mensch zu Mensch stark variiert. Die meisten sehen vermutlich den Sinn, den es gibt, in den Slums von Kalkutta Arme zu speisen. Aber es gibt auch Leute, welche durchaus auch den Purpose sehen, f\u00fcr Smith&amp;Wesson t\u00e4tig zu sein. Man muss sie nur finden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-mit-layla-in-die-brass-20220809\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d auf inside-it.ch und inside-channels.ch<\/a><a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-rueckkehr-der-autarkie-20220412\">.<\/a>\u00a0<a href=\"http:\/\/Foto von Anna Shvets: https:\/\/www.pexels.com\/de-de\/foto\/menschen-madchen-jeans-boden-5325712\/\">Foto von Anna Shvets f\u00fcr Pexcels.com<\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Belanglosigkeiten haben es in der Saure-Gurken-Zeit geschafft, nicht nur die sozialen, sondern auch die klassischen Medien zu echauffieren: Der von zwei DJs zusammengeschusterte Sommerschlager &#8220;Layla&#8221; wurde von deutschen Stadtverwaltungen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3632,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[83,90],"tags":[],"class_list":["post-3629","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ict","category-kommunikation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3629"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3629\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3636,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3629\/revisions\/3636"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3629"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}