{"id":3601,"date":"2022-05-11T20:47:01","date_gmt":"2022-05-11T18:47:01","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3601"},"modified":"2022-05-11T20:47:03","modified_gmt":"2022-05-11T18:47:03","slug":"recht-haben-und-recht-bekommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/recht-haben-und-recht-bekommen\/","title":{"rendered":"Recht haben und Recht bekommen"},"content":{"rendered":"\n<p>Jeden Tag schliessen wir Dutzende von Vertr\u00e4gen ab, manchmal bewusst, oftmals auch unbewusst, ob als Privatperson oder im Unternehmen. Was wir kaum je bedenken: Das ganze Vertragswesen ist davon abh\u00e4ngig, ob ich im Streitfall \u2013 wenn die Gegenpartei und ich sich nicht einig werden \u2013 zu meinem Recht kommen kann. Daf\u00fcr steht mir die Justiz zur Verf\u00fcgung, oder sollte es jedenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigsten Gesch\u00e4ftsleute sind sich jedoch wirklich bewusst, dass sich ein Streit vor Gericht kaum je lohnt. Und zwar wegen der Kosten, die dabei anfallen. Vor kurzem hat Katharina Fontana in der &#8220;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/schweiz\/kostspielige-justiz-in-der-schweiz-wer-soll-das-bezahlen-ld.1681569?reduced=true\" target=\"_blank\">NZZ<\/a>&#8221; vorgerechnet, wie teuer Zivilprozesse heutzutage sind. Konzentrieren wir uns auf die Zahlen aus dem Kanton Z\u00fcrich: Falls ich einen Prozess f\u00fchre, bei dem es um einen Streitwert von 10\u2018000 Franken geht, so bezahle ich bei Unterliegen (inkl. Gerichtsgeb\u00fchren, Parteientsch\u00e4digung und eigene Anwaltskosten) 6000 Franken zus\u00e4tzlich zu den 10\u2018000 Franken, um die es geht.<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-recht-haben-und-recht-bekommen-20220510#es-geht-gewaltig-ins-geld\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" style=\"font-size:24px\"><strong>Es geht gewaltig ins Geld<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dies bedeutet: Wenn ich den Prozess gewinne, erhalte ich die 10\u2018000, alles ist o.k. Wenn ich den Prozess jedoch verliere, liegen meine Gesamtkosten bei 16\u2018000 Franken. Da w\u00e4re es gescheiter gewesen, auf den Prozess zu verzichten und die 10\u2018000 von Anfang an abzuschreiben. Wenn ich sicher bin, den Prozess zu gewinnen, dann gehe ich das Risiko vielleicht ein, wenn jedoch die Chance zu obsiegen irgendwo bei Fifty-fifty liegt (was ja wohl ein h\u00e4ufiger Fall bzw. eine h\u00e4ufige Einsch\u00e4tzung ist), dann ist die Prozessf\u00fchrung hoch riskant bzw. unattraktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesen Berechnungen ist noch nicht ber\u00fccksichtigt, dass jeder Prozess eine mentale Belastung darstellt und w\u00e4hrend l\u00e4ngerer Zeit Management-Attention absorbiert. Selbst wenn die Rechtsschutzversicherung daf\u00fcr aufkommt und interne oder externe Juristen engagiert sind, so ben\u00f6tigt der Fall immer wieder Aufmerksamkeit, poppt zum Beispiel in der Bilanz auf und muss auch sonst im Blickfeld behalten werden. Denn man bedenke, dass sich das Ganze w\u00e4hrend Monaten oder gar Jahren hinziehen kann, vor allem wenn es \u00fcber mehrere Instanzen geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, wird man mir sagen, wer prozessiert schon f\u00fcr 10&#8217;000 Franken? Aber bei 100\u2018000 Franken, da lohnt sich doch sicher ein Prozess? Nicht sicher, denn bei diesem Streitwert liegen die Gesamtkosten des Unterliegens bei 40\u2018000 Franken, das sind immer noch 40% des Streitwerts. Was diese horrenden Kosten rechtspolitisch bedeuten, analysiert der oben erw\u00e4hnte &#8216;NZZ&#8217;-Beitrag ausf\u00fchrlich und kann dort nachgelesen werden.<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-recht-haben-und-recht-bekommen-20220510#fuenf-tipps-aus-der-erfahrung\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" style=\"font-size:24px\"><strong>F\u00fcnf Tipps aus der Erfahrung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Mir als Praktiker geht es um etwas Anderes: Wie k\u00f6nnen wir verhindern, \u00fcberhaupt in die Situation zu kommen, einen Zivilprozess f\u00fchren zu m\u00fcssen? Und wie erh\u00f6hen wir unsere Gewinnchancen, falls es soweit kommt?<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"is-style-default wp-block-list\"><li>Man lasse sich nicht von Emotionen leiten, wenn der Entscheid f\u00fcr oder gegen einen Prozess gef\u00e4llt werden muss. Entt\u00e4uschung, Frust oder Wut sind keine guten Ratgeber. Es braucht eine n\u00fcchterne Analyse der eigenen Position. Dabei muss man sich auch der Schw\u00e4chen in der eigenen Argumentation bewusst sein. Und vor allem: die Kostenseite im Auge behalten.<\/li><li>Bei der Wahl des Anwalts pr\u00fcfe man, ob ausreichend Erfahrung in Sachen Prozessf\u00fchrung zum konkreten Thema vorhanden ist. Insbesondere bei internen Anw\u00e4lten oder kleinen Kanzleien fehlt dieser spezifische Hintergrund manchmal.<\/li><li>Bei der Aushandlung der Vertr\u00e4ge sollte man am besten auf etablierte Standards oder Mustervertr\u00e4ge bauen, weil diese oft durch eine Reihe von &#8220;Musterprozessen&#8221; abgesichert sind und somit die Absch\u00e4tzung der Prozessrisiken deutlich einfacher ist. Hierbei kann ich es mir nicht verkneifen, auf die aktuelle <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.swico.ch\/de\/news\/detail\/swico-swissict-und-approovd-verhelfen-zu-rechtssicheren-vertragsvorlagen\" target=\"_blank\">Ank\u00fcndigung<\/a> meines ehemaligen Arbeitgebers Swico hinzuweisen, wonach das Portfolio an IT-Mustervertr\u00e4gen in Zusammenarbeit mit einem Startup wesentlich erweitert wurde.<\/li><li>Die Definition des Gerichtsstandes ist von grosser Bedeutung. Bei internationalen Vertr\u00e4gen leuchtet das unmittelbar ein, aber auch in der Schweiz ist es von Vorteil, bei sich &#8220;zu Hause&#8221; prozessieren zu k\u00f6nnen. Einerseits besteht oft ein unbewusster &#8220;Home bias&#8221;, andererseits sind nicht \u00fcberall in Wirtschaftsfragen kompetente Gerichte am Werk.<\/li><li>Es lohnt sich immer zu versuchen, einen Prozess abzuwenden, indem man miteinander spricht, zum Beispiel indem die beiden Chefs auf neutralem Boden eine pers\u00f6nliche Aussprache haben. Auch eine externe Mediation kann pr\u00fcfenswert sein \u2013 immer mehr Anw\u00e4lte lassen sich auch f\u00fcr diese Aufgabe ausbilden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Zum Schluss: Wenn Sie aus dieser Kolumne nur etwas mitnehmen wollen, dann dies: Jeder Zivilprozess ist ein Zuvielprozess!<\/p>\n\n\n\n<p><em><em><em><em><em><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-recht-haben-und-recht-bekommen-20220510\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d auf inside-it.ch und inside-channels.ch<\/a><a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/von-hensch-zu-mensch-rueckkehr-der-autarkie-20220412\">.<\/a>\u00a0Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@dkfra19?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Dimitri Karastelev<\/a> auf <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/contract?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeden Tag schliessen wir Dutzende von Vertr\u00e4gen ab, manchmal bewusst, oftmals auch unbewusst, ob als Privatperson oder im Unternehmen. 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