{"id":3466,"date":"2021-08-11T08:36:14","date_gmt":"2021-08-11T06:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3466"},"modified":"2021-08-11T08:37:19","modified_gmt":"2021-08-11T06:37:19","slug":"statt-ferien-auf-dem-bauernhof","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/statt-ferien-auf-dem-bauernhof\/","title":{"rendered":"Statt Ferien auf dem Bauernhof"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Was mir nach vier Tagen Eintauchen ins Startup-Universum klar(er) geworden ist.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir alle kennen die Firmenbesuche, bei denen ein hoher Chef von weit weg eingeflogen, vom CEO empfangen und mit einem Briefing versorgt wird, eine sorgf\u00e4ltig choreografierte Demo erh\u00e4lt und dann noch kurz durch die R\u00e4ume gef\u00fchrt wird, die vorher sch\u00f6n aufger\u00e4umt wurden. Bei einem Ap\u00e9ro mit der Gesch\u00e4ftsleitung erkl\u00e4rt sich der Besucher anschliessend tief beeindruckt und entschwindet nach 90 Minuten wieder \u2013 und alle sind zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, mein Eintritt in den Verwaltungsrat des Startup <a href=\"https:\/\/business.smeetz.com\/\">Smeetz<\/a> in Renens fiel so ziemlich genau auf den Beginn der Pandemie. Und so stellte ich mir die Frage: Wie sieht es hinter den Mails, Dokumenten und Zoom-Calls wirklich aus in dem Unternehmen, f\u00fcr das ich Mitverantwortung trage? Was machen die fast dreissig Mitarbeitenden so den lieben langen Tag? CEO <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/alexandremartinswitzerland\/\">Alexandre Martin<\/a> bot mir einen mehrt\u00e4gigen Stage an, um tempor\u00e4r Teil des Teams zu werden. Das passte mir hervorragend, kommen doch Ferien auf dem Bauernhof f\u00fcr mich eher nicht in Frage \u2013 angesichts der Wetterbest\u00e4ndigkeit dieses Sommers sowieso\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Damit ergab sich die Gelegenheit, ein paar allgemeine Erkenntnisse aus meiner T\u00e4tigkeit als Business Angel auf dem Feld zu \u00fcberpr\u00fcfen, die ich gern mit meinen Leserinnen und Lesern teilen will. Was also sind die besonderen Herausforderungen von Startups, insbesondere bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Software_as_a_Service\">SaaS<\/a>-Anbietern f\u00fcr den B2B-Bereich?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kosten- und Erfolgsfaktor Kundendienst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine Disziplin, die oft untersch\u00e4tzt wird, ist der Kundendienst (auf Denglisch Customer Success Management; CSM). Theoretisch l\u00e4sst sich ja alles \u00fcber Algorithmen l\u00f6sen, so dass es keinerlei Betreuung und Support braucht. Praktisch zeigt sich jedoch fast immer, dass gerade bei sich laufend weiter entwickelnden Produkten (wie bei SaaS \u00fcblich) eine Form von Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Kunden bzw. deren Mitarbeitende oder Abnehmer unabdingbar ist. Dies ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, da die L\u00f6sung laufend weiter entwickelt wird und sich so permanent ver\u00e4ndert. Es geht aber auch darum, Bugs m\u00f6glichst rechtzeitig zu ermitteln und bei den Kunden Up- und Cross-Selling zu betreiben. Nicht zuletzt soll CSM auch wichtige Hinweise f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Produktentwicklung geben und ist wesentlich f\u00fcr die Kundenzufriedenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Team daf\u00fcr zu schulen, die Kapazit\u00e4ten \u00fcber Sprach- und Zeitzonen hinweg zu managen, das ist aufw\u00e4ndig und kostenintensiv, doch es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei. Die Herausforderung ist daher, Wissensmanagement, Kundenschulung, gen\u00fcgend Ressourcen und Kostenkontrolle im Gleichgewicht zu behalten, bevor in einer sp\u00e4teren Phase, wenn die Entwicklungsschritte weniger gross werden, mit dosierter Automatisierung der Aufwand pro Kunde reduziert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"631\" src=\"https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-1024x631.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3457\" srcset=\"https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-1024x631.jpg 1024w, https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-300x185.jpg 300w, https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-768x473.jpg 768w, https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-1536x946.jpg 1536w, https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-2048x1261.jpg 2048w, https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-370x228.jpg 370w, https:\/\/hens.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/20210729_103348605_iOS-2-760x468.jpg 760w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Das Smeetz management team mit mir: Loris Savary, COO; Liza Tripet, CMO; Alexandre Martin, Gr\u00fcnder und CEO; Morgan Siffert, Gr\u00fcnder und CTO. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Outsourcing ist kein Selbstl\u00e4ufer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Entwicklung f\u00fcr SaaS-Startups findet weder im Backend- noch im Frontend-Bereich in der Schweiz statt, die Kosten sind einfach zu hoch und das Personalreservoir zu d\u00fcnn. Osteuropa und Nordafrika haben sich als Standorte etabliert, da sie kulturell, sprachlich und zeitzonenm\u00e4ssig einfacher zu managen sind als die noch g\u00fcnstigeren Standorte in Fernost.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings gibt es da durchaus Stolpersteine: Nicht nur in der Schweiz wird genau hingeschaut, ob es sich bei diesen Entwicklern um Scheinselbst\u00e4ndige handelt und ob die Sozialversicherungsabgaben korrekt abgerechnet werden. Das Zwischenschalten einer Vermittlungsagentur erspart einem zwar diese Sorgen, aber es geht ganz sch\u00f6n ins Geld, etwas, was in Startups bekanntermassen rar ist. In Corona-Zeiten hat die Online-Akquisition von Entwicklern besondere T\u00fccken, wie <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/clemensschuster\/\">Clemens Schuster<\/a>, CEO von <a href=\"https:\/\/politik.ch\/\">Politik.ch<\/a> (ebenfalls in meinem Portfolio) k\u00fcrzlich in der <a href=\"https:\/\/www.luzernerzeitung.ch\/wirtschaft\/versuchte-wirtschaftsspionage-mysterioese-bewerber-wenn-ein-chinese-statt-ein-russe-beim-videointerview-auftaucht-ld.2156126\">Luzerner Zeitung<\/a> berichtete.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pr\u00fcfstein Expansion ins Ausland<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zum Standard-Narrativ von hiesigen Startups, dass die Expansion ins Ausland kein Problem darstellt, denn schliesslich sei die mehrsprachige Schweiz eine Art Mini-Ausgabe von Europa und der Welt. Globales Wirtschaften liege in unserer DNA. Die Realit\u00e4t sieht auch hier anders aus. Der Schritt ins Ausland ist der unabdingbare und entscheidende Pr\u00fcfstein, ob ein B2B-Startup es wirklich schafft. Und es ist keineswegs einfach, in einem anderen Land, meist ohne eigenes Netzwerk Fuss zu fassen. Die Markteintrittskosten sind hoch, das Risiko, auf die falschen Leute und Kundensegmente zu setzen, ebenso. Eine Firma, die es nicht schafft, kann durchaus weiter existieren, allerdings dann als selbstgen\u00fcgsames KMU im eigenen Land. Das muss nicht schlecht sein, entspricht aber nat\u00fcrlich nicht der Vision von einem Unicorn.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn die Gr\u00fcnder einen Schritt zur\u00fcck machen m\u00fcssen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Startups werden im SaaS-Bereich oft von (m\u00e4nnlichen) Nerds aus ETH, EPFL oder Fachhochschulen gegr\u00fcndet, wenn\u2019s gut geht zusammen mit einem Kollegen aus der Betriebswirtschaft. Sie kennen sich bestens und arbeiten auf der gleichen Wellenl\u00e4nge, teilen die gleichen Werte und die gleiche Vision. Das geht so lange gut, bis Verkauf, Marketing, Operations, CSM und HR zu zentralen Themen werden. Wer es nicht rechtzeitig schafft, das F\u00fchrungsteam zu erweitern und diese Disziplinen vollwertig ins Management zu integrieren, hat f\u00fcr die Zukunft schlechte Karten. Die Gr\u00fcnder m\u00fcssen lernen, dass sie selbst trotz Aktienmehrheit nicht allwissend sind und im Alltag auf die Fachkompetenz anderer F\u00fchrungskr\u00e4fte h\u00f6ren m\u00fcssen. Was es im Management ebenfalls braucht: Mentale St\u00e4rke und gute Nerven. Denn nach der Finanzierungsrunde ist immer auch vor der Finanzierungsrunde \u2013 und Liquidit\u00e4t ein scheues Reh.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie steht\u2019s mit der Tinte?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu Smeetz: Vier vollgepackte Tage mit Einzelgespr\u00e4chen, Marketing-, Sales-, Kundendienst- und GL-Meetings, Workshops sowie einem Treffen mit einer Venture-Capital-Firma halfen mir enorm, nicht nur das Unternehmen selbst besser zu verstehen, sondern den Startup-Groove am eigenen Leib zu erleben. Schade nur, dass ich mich mit den Entwicklern im Ausland nicht n\u00e4her austauschen konnte, obwohl ich in der Zoom-Vollversammlung ihr hohes Engagement sp\u00fcren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum (anekdotischen) Schluss: Smeetz hat das papierlose B\u00fcro l\u00fcckenlos umgesetzt. Dies geht so lange gut, bis f\u00fcr Identit\u00e4tsnachweise eine qualifizierte Online-Signatur notwendig wird. Dann heisst es, den einzigen Inkjet-Drucker auszupacken und zu hoffen, dass die Tintenpatrone nicht ausgetrocknet ist. Denn ohne Papierausdruck der Identit\u00e4tskarte kommt man in der analogen Beh\u00f6rdenwelt immer noch nicht weiter\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>[Adaptation meiner Monatskolumne &#8220;Von Hensch zu Mensch&#8221; auf <a href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/de\/post\/von-hensch-zu-mensch-startup-besuch-statt-ferien-auf-dem-bauernhof-20210810\">Inside-it.ch und Inside-channels.ch<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was mir nach vier Tagen Eintauchen ins Startup-Universum klar(er) geworden ist. 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