{"id":3385,"date":"2021-05-12T13:18:35","date_gmt":"2021-05-12T11:18:35","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3385"},"modified":"2021-05-13T10:04:57","modified_gmt":"2021-05-13T08:04:57","slug":"wie-sich-it-kunden-die-digitalisierung-selbst-versemmeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/wie-sich-it-kunden-die-digitalisierung-selbst-versemmeln\/","title":{"rendered":"Wie sich IT-Kunden die Digitalisierung selbst versemmeln"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Leidensdruck der IT-Kunden scheint gross zu sein: Selten habe ich so viele zustimmende Reaktionen auf einen Blogpost erhalten wie vor einem Monat,&nbsp;<a href=\"https:\/\/hens.ch\/was-kunden-an-der-it-branche-so-nervt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">als ich \u00fcber ihre Probleme mit IT-Firmen geschrieben habe<\/a>.&nbsp;&nbsp;Doch wie angek\u00fcndigt \u2013 oder angedroht \u2013 ist dies nur die eine Seite der Medaille. Auftraggebende Firmen untersch\u00e4tzen die Komplexit\u00e4t str\u00e4flich, welche zum Beispiel die Einf\u00fchrung eines neuen ERP bedingt. Und wundern sich dann, dass alles so viel l\u00e4nger dauert und mehr kostet, als sie urspr\u00fcnglich gedacht haben. Und in aller Regel stellt sich heraus: Sie sind gr\u00f6sstenteils selbst schuld, dass es so gekommen ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Ziele im Ungef\u00e4hren<\/h4>\n\n\n\n<p>Dies beginnt damit, dass oft nicht klar ist, welche konkreten Ziele erreicht werden sollen. An der Oberfl\u00e4che herrscht zwar Einigkeit, die meist durch Buzzw\u00f6rter entsteht, die nirgends konkret definiert sind und unter denen jeder versteht, was er verstehen will: KI, Marketing Automation, IoT, Cloud, Change-Management, Time-to-market. Doch verschiedene Fachbereiche und F\u00fchrungsstufen haben je ihre eigene Problemwahrnehmung und damit auch ihre eigene Meinung, worin die L\u00f6sung bestehen sollte. Der Prozess, diese Anforderungen zu homogenisieren, ist aufw\u00e4ndig und landet rasch in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben der Innenpolitik auf Seiten der auftraggebenden Firma: Wer hat wieviel formelle und informelle Macht und kann was durchsetzen? Wer verkauft sich besser, auch wenn sein Anliegen v\u00f6llig untergeordnet ist? Nat\u00fcrlich versucht man, die Anforderungen schon m\u00f6glichst vor Beauftragung eines Lieferanten zu kl\u00e4ren, doch oftmals geht dies zu wenig in die Tiefe. Oder notd\u00fcrftig \u00fcbert\u00fcnchte Interessenkonflikte brechen bei der Umsetzung pl\u00f6tzlich wieder auf.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Der Kunde ist keine Insel<\/h4>\n\n\n\n<p>Auftr\u00e4ge f\u00fcr Entwicklungen auf der gr\u00fcnen Wiese sind h\u00f6chst selten, in aller Regel gibt es bestehende Systeme, die abgel\u00f6st oder weiterbetrieben werden sollen. Je st\u00e4rker sich die Wirtschaft digitalisiert, desto \u00f6fter m\u00fcssen auch \u00fcbergeordnete Systeme und Standards eingeplant werden, welche das auftraggebende Unternehmen selbst nicht beeinflussen kann, sondern die in der Wertsch\u00f6pfungskette \u00fcbergeordnet vorgegeben sind. Man denke da an die Bestellsysteme der Autoindustrie, in welche sich alle Zulieferer eingliedern m\u00fcssen, so dass just-in-time Produktion m\u00f6glich wird. Welche Abh\u00e4ngigkeiten und Schnittstellen \u00fcberall bestehen, ist oftmals nirgends zentral dokumentiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Und pl\u00f6tzlich wird man noch der Schatten-IT gewahr, welche sich in einem entscheidenden Detail als unumgehbar erweist. F\u00fcr den beauftragten Softwareentwickler ist es aber unm\u00f6glich, ohne kompetente interne Unterst\u00fctzung ein solch historisch gewachsenes Gestr\u00fcpp zu erkennen und in eine neue L\u00f6sung einzubauen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Agilit\u00e4t \u2013 falsch verstanden<\/h4>\n\n\n\n<p>Wasserfall ist pfui \u2013 heute machen alle in Agilit\u00e4t. Das freut auch den Kunden, kann er doch jederzeit die Richtung \u00e4ndern, neue Anforderungen formulieren und \u00fcberhaupt gescheiter werden. Weil mit fortschreitendem Projekt bekanntlich der Appetit steigt, kann die zu entwickelnde L\u00f6sung noch werthaltiger gestaltet werden. Das jedoch ist mit agiler Softwareentwicklung eigentlich nicht gemeint, wie f\u00fcr meine Leserinnen und Leser klar ist \u2013 f\u00fcr viele Kunden jedoch nicht. Die sagen sich: &#8220;Ich habe Besseres zu tun, als all diese Dokumente und Tabellen im Detail durchzuarbeiten und zu kommentieren. Wir lassen mal den jungen Mann mit der lustigen Brille im Hoodie programmieren. Der hat sicher verstanden, worum es uns geht.&#8221; Eine solche Einstellung kann dramatische terminliche und budget\u00e4re Folgen haben. In der Schweiz mit ausgepr\u00e4gtem Fachkr\u00e4ftemangel kommt oft noch hinzu, dass bei vielen IT-Spezialdisziplinen zus\u00e4tzliche personelle Ressourcen nicht einfach so per sofort zur Verf\u00fcgung stehen. Selbst wenn der Anbieter noch so gerne zus\u00e4tzliche Stunden in Regie verkaufen m\u00f6chte, er hat die Leute dazu schlicht nicht.<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/\" target=\"_blank\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Erschwerte Zusammenarbeit<\/h4>\n\n\n\n<p>Zur agilen Entwicklung geh\u00f6rt der regelm\u00e4ssige Austausch zwischen Kunde und Lieferant. Dass dabei nicht nur die Techies involviert sein d\u00fcrfen, sondern dass die Produktverantwortlichen und die Nutzer einbezogen werden m\u00fcssen, ist heute allen klar. Nur sind sich die entscheidungsberechtigten Verantwortungstr\u00e4ger auf Unternehmensseite oft zu schade, ihre Zeit in solchen &#8220;Schwatzbuden&#8221; zu verbringen. Oder sie finden es unter ihrer W\u00fcrde, zusammen mit Kollegen tieferer Hierarchiestufe gleichberechtigt mitzureden, und zwar bei einem Thema ausserhalb ihrer Komfortzone. Die Folge: Entscheide m\u00fcssen nachtr\u00e4glich intern zum Chef rapportiert und von ihm genehmigt werden. Damit geht nicht nur Zeit verloren, sondern auch die Qualit\u00e4t der Diskussion leidet, was f\u00fcr alle Beteiligten frustrierend ist.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Keine Zeit f\u00fcr Tests und Daten\u00fcbernahme<\/h4>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Stolperstein sind die fehlenden internen Ressourcen auf Kundenseite, wenn Prototypen oder MVP getestet werden sollten. Bei komplexen mehrsprachigen Websites k\u00f6nnen zwar Daten oft automatisch \u00fcbernommen werden, aber eine vertiefte Kontrolle ist dennoch unerl\u00e4sslich. Und nein, diese Arbeiten kann man nicht an die Software-Firma delegieren (selbst wenn man es noch bezahlen wollte). Nur im Unternehmen selbst ist das n\u00f6tige Wissen und die Erfahrung vorhanden, um die Funktionalit\u00e4t und die Korrektheit zu pr\u00fcfen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Nerven nicht verlieren!<\/h4>\n\n\n\n<p>F\u00fcr IT-Anbieter ist ein solcher Ablauf m\u00fchsam und nervig, weshalb sie nat\u00fcrlich versuchen, ihre Kunden rechtzeitig daf\u00fcr zu sensibilisieren und diese Stolperfallen zu eliminieren. Doch meist gelingt es zu wenig, kulturell verankerte Strukturen und Vorgehensweisen beim Kunden aufzubrechen. Dieser zieht sich dann gern auf den Grundsatz zur\u00fcck: &#8220;Wer zahlt, befiehlt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Und so kommt es, wie es kommen muss. Das Projekt zieht sich in die L\u00e4nge und wird deutlich teurer als urspr\u00fcnglich angenommen. Alle wollen nur noch fertig werden und m\u00f6glichst nichts mehr miteinander zu tun haben (was ja nat\u00fcrlich bei komplexen Systemen unrealistisch ist). Immerhin gibt es einen Moment, in dem sich alle in den Armen liegen und miteinander jubeln. Dann n\u00e4mlich, wenn ihr Projekt bei&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.bestofswissweb.swiss\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Best of Swiss Web<\/a>&nbsp;\u00f6ffentlichkeitswirksam ausgezeichnet wird. Deshalb ist wohl der Preis in Form einer Rettungsboje gestaltet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em><em><em><em><em><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/de\/post\/von-hensch-zu-mensch-wie-sich-it-kunden-die-digitalisierung-selbst-versemmeln-20210511\" target=\"_blank\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d auf inside-it.ch und inside-channels.ch<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/de\/post\/von-hensch-zu-mensch-do-you-speak-legalese-20200812\" target=\"_blank\">.<\/a> Bildnachweis: <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@edmar?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Edmar Gon\u00e7alves<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/baywatch?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Leidensdruck der IT-Kunden scheint gross zu sein: Selten habe ich so viele zustimmende Reaktionen auf einen Blogpost erhalten wie vor einem Monat,&nbsp;als ich \u00fcber ihre Probleme mit IT-Firmen geschrieben&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3387,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_coblocks_attr":"","_coblocks_dimensions":"","_coblocks_responsive_height":"","_coblocks_accordion_ie_support":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[83],"tags":[],"class_list":["post-3385","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ict"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3385"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3385\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3399,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3385\/revisions\/3399"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3387"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hens.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}