{"id":3213,"date":"2020-08-14T09:41:11","date_gmt":"2020-08-14T07:41:11","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.ch\/?p=3213"},"modified":"2020-08-14T09:41:12","modified_gmt":"2020-08-14T07:41:12","slug":"do-you-speak-legalese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/do-you-speak-legalese\/","title":{"rendered":"Do you speak Legalese?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><strong><strong>Juristisches Kauderwelsch macht Gr\u00fcndern und Investoren das Leben schwer. Muss das sein?<\/strong><\/strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Startup-Gr\u00fcnder sind zu bedauern: Statt sich dem Wachstum ihres Unternehmens widmen zu k\u00f6nnen, sei es am Markt oder in der Entwicklung, m\u00fcssen sie sich in der Geburtsphase endlos mit juristischen Dokumenten herumschlagen: Statuten, Aktion\u00e4rsbindungsvertr\u00e4gen, Kreditvertr\u00e4ge, Wandeldarlehen, Arbeitsvertr\u00e4ge, Optionsprogramme und noch mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die meisten Gr\u00fcnderinnen und Gr\u00fcnder am Anfang von Recht nur Bahnhof verstehen, m\u00fcssen sie sich in diese f\u00fcr sie fremde Materie hineinknien, wollen sie sich nicht mit Haut und Haar ihren Anw\u00e4lten ausliefern. Dabei stellen sie fest, dass es rasch sehr kompliziert wird und niemand ein Interesse hat, es ihnen leicht zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Grundproblem besteht darin, dass man heute Startups rechtlich so aufsetzt, als sei schon klar, dass sie dereinst als Unicorn einen internationalen B\u00f6rsengang durchf\u00fchren werden und entsprechend wasserdichte Bestimmungen ben\u00f6tigen. W\u00e4hrend in allen anderen Bereichen eines Startups mit MVP gearbeitet wird, also zuerst nur das N\u00f6tigste implementiert, kommt die rechtliche Struktur von Anfang an als Wasserkopf daher.<\/p>\n\n\n\n<p>Es beginnt damit, dass in der Regel alles in einer Sprache verfasst wird, die auf den ersten Blick wie English aussieht, aber f\u00fcr den normalen und auch fremdsprachigen Englischsprechenden unverst\u00e4ndlich ist, da es sich um&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.thoughtco.com\/legalese-language-term-1691107\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Legalese<\/a>&nbsp;handelt. Die komplex verschachtelten S\u00e4tze sind mit Spezialbegriffen mit ganz eigener Bedeutung gespickt. Oft kommen \u2013 was man meist prima facie sieht \u2013 auch Begriffe aus dem altr\u00f6mischen Recht zum Einsatz. Wer sich bei den Vertragsverhandlungen nicht ex ante vorsieht, haftet bald einmal aus&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Culpa_in_contrahendo\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">culpa in contrahendo<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz grunds\u00e4tzlich ist aber in Frage zu stellen, weshalb Parteien in der (Deutsch-)Schweiz f\u00fcr eine Kleinfirma vor Ort alles von Anfang an in einer Fremdsprache formulieren sollen, die sie zwar einigermassen zu beherrschen meinen, deren Subtilit\u00e4ten sie aber nur bedingt verstehen, vor allem wenn es um ein Spezialgebiet geht, in dem sie nicht heimisch sind. Kommt dazu, dass ich kaum einen Vertrag sehe, indem dann nicht versch\u00e4mt in Klammern einzelne Begriffe in heimischer Sprache \u00abausgedeutscht\u00bb werden m\u00fcssen, weil es das entsprechende Rechtsinstitut im angels\u00e4chsischen Raum gar nicht oder nicht in dieser Form gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erschwerend kommt hinzu, dass auch die Struktur der Vertr\u00e4ge aus dem angels\u00e4chsischen Raum \u00fcbernommen und damit massiv verkompliziert wird. Ein herk\u00f6mmlicher Vertrag besteht bei uns aus einer Zweckbestimmung, der anvisierten Grundstruktur und sowie Konflikt- und Aufl\u00f6sungsbestimmungen. In &#8220;internationalen&#8221; Vertr\u00e4gen werden zuerst endlos Begriffe definiert (ohne dass man weiss, welche Rolle sie konkret spielen werden). Erst im zweiten Teil werden die anwendbaren Regeln beschrieben (allerdings ohne die konkreten Zahlen und Werte aufzuf\u00fchren). Und endlich, ganz am Schluss werden konkrete Zahlen und Betr\u00e4ge benannt. Dies erschwert das Verst\u00e4ndnis massiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem bei den Definitionen fragt man sich h\u00e4ufig, ob hier nicht Anw\u00e4lte, sondern Zeilenschinder am Werk waren. Oder was ist von folgender Bestimmung zu halten: &#8220;\u2019Common Stock\u2019 means shares of the Company\u2019s common stock&#8221;. Das ist Selbstreferenzialit\u00e4t auf h\u00f6chstem Niveau. Eine h\u00e4ufig vorkommende Bestimmung bringt mich besonders auf die Palme: &#8220;This Agreement (including this paragraph) may be amended only in writing.&#8221;. Klar gilt die Schriftform auch f\u00fcr diesen Paragrafen, der ja Teil der Vereinbarung ist, die Klammer ist v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig. Nat\u00fcrlich geht es hier nur um drei W\u00f6rter aber sie atmen den Geist der \u00fcbertriebenen Verkomplizierung, der diese Vertr\u00e4ge durchdringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Legalese wird \u00fcbrigens nicht prim\u00e4r bei uns als Problem empfunden, sondern auch im angels\u00e4chsischen Raum. Auf unterhaltsame Weise bringt dies&nbsp;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/joyouslawyer\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Chris Hargreaves<\/a>&nbsp;in seinem Beitrag &#8220;<a href=\"https:\/\/tipsforlawyers.com\/legalese\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Legalese \u2013 Everything you Need to Know<\/a>&#8221; auf den Punkt<\/p>\n\n\n\n<p>Besteht Hoffnung, diesen Trend umzukehren? Bei B2B bin ich skeptisch, doch im Konsumenten- und im Personalbereich merken immer mehr Unternehmen, dass sie so nicht weiterkommen. Mittlerweile gibt es sogar Firmen, welche den Juristen beibringen, wie man Legalese auf Deutsch \u00fcbersetzt bzw. verst\u00e4ndlich macht, in der Schweiz zum Beispiel&nbsp;<a href=\"https:\/\/legalbydesign.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Legal by Design<\/a>, vor einem Jahr erst gegr\u00fcndet (also auch ein Startup).<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Tipp an Investoren: Wer nicht selbst Jurist ist bzw. das Recht sehr gut kennt, aber ein Startup trotzdem f\u00fcr investitionsw\u00fcrdig h\u00e4lt, soll schauen, dass er mitsurfen kann. Mit anderen Worten, er baut auf die Erfahrung von Co-Investoren, seien das erfahrene Business Angel oder auch VC, welche ja die gleichen Vertr\u00e4ge unterschreiben. Denn nur in den wenigsten F\u00e4llen d\u00fcrfte es sich lohnen, selbst auch noch einen Anwalt einzuschalten (und zu bezahlen).<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Tipp an Startup-Gr\u00fcnder: Schaut euch eure Anw\u00e4lte auch bez\u00fcglich der Arbeits- und Vorgehensweise genau an. Dabei wird man mit einer Boutique von lokalen Spezialisten tendenziell besser bedient sein als mit der Startup-Abteilung einer internationalen Grosskanzlei. Diese braucht ihr nat\u00fcrlich dann schon einmal \u2013 sp\u00e4testens, wenn ihr am NYSE kotiert werden wollt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right source-indent has-custom-lineheight\" style=\"line-height:1.6;font-size:17px\"><em><em><em><em><em><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/de\/post\/von-hensch-zu-mensch-do-you-speak-legalese-20200812\" target=\"_blank\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d auf inside-it.ch und inside-channels.ch.<\/a> Foto von <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@mari?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Mari Helin<\/a>\u00a0bei\u00a0<a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/contract?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Juristisches Kauderwelsch macht Gr\u00fcndern und Investoren das Leben schwer. 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