{"id":2666,"date":"2019-11-13T12:36:44","date_gmt":"2019-11-13T11:36:44","guid":{"rendered":"https:\/\/hens.cyon.site\/?p=2666"},"modified":"2020-04-17T18:10:15","modified_gmt":"2020-04-17T16:10:15","slug":"nicht-jedes-kiestobel-wird-zum-silicon-valley","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hens.ch\/en\/nicht-jedes-kiestobel-wird-zum-silicon-valley\/","title":{"rendered":"Nicht jedes Kies\u00adtobel wird zum Silicon Valley"},"content":{"rendered":"\n<p>Nein, nein, nein: Wir haben in der Schweiz kein Silicon Valley, werden auch keines haben und wollen es auch gar nicht! So m\u00f6chte ich den Aargauer Politikern entgegenschleudern, die vor einigen Tagen beim Spatenstich f\u00fcr den Innovationspark \u201eInnovaare\u201c in Villigen den Begriff einmal mehr (\u00fcber-)strapaziert haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich sind sie nicht die einzigen, welche diesen Vergleich zu Tode reiten. In der Schweiz hat es vermutlich Dutzende Silicon-Valley-Anw\u00e4rter, vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Warum reagiere ich so empfindlich auf diesen Begriff? Wir sprechen doch auch sonst gerne in Bildern, die mehr oder weniger passen. Weshalb die Aufregung?<\/p>\n\n\n\n<p>Weil der Begriff impliziert, dass man ein einzigartiges, in Jahrzehnten herangereiftes \u00d6kosystem mit ein paar sch\u00f6nen Reden, etwas Strukturpolitik und \u00fcppigen Subventionen kurz spitz auf unsere Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertragen kann. Es ist eben nicht so,&nbsp; dass ein Silicon Valley einfach mal so rasch entsteht, wann immer sich eine Softwarebude und ein Co-Working-Space neben der Kantine einer Fachhochschule niederlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Heimmarkt der USA ist 40 Mal gr\u00f6sser als die Schweiz und bietet einen einheitlichen Rechtsraum an, der ganz andere Skaleneffekte erm\u00f6glicht, was heute f\u00fcr Techfirmen entscheidend ist. Auch was die Sprache anbelangt, ist man von Anfang an mit Englisch als globaler Lingua Franca wesentlich besser bedient.<\/p>\n\n\n\n<p>Schweizerinnen und Schweizer setzen sich ungern Risiken aus. Gr\u00fcnder haben hier oft nebenher einen Brot- und Butterjob \u2013 zur Sicherheit. Der Idealtypus bei uns ist der Angestellte mit Karriere und Dritter S\u00e4ule, nicht der Firmengr\u00fcnder und Selfmademan wie in den USA. Wir setzen auch nicht alles auf eine Karte, so fehlt oft der ultimative Einsatz fehlt, das Alles oder Nichts, das es manchmal braucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Schweizer tun auch gut daran, vorsichtig zu sein, denn der berufliche Misserfolg kann rasch einmal zur sozialen \u00c4chtung f\u00fchren. Im Gegensatz dazu nimmt man im wirklichen Silicon Valley einen Gr\u00fcnder gar nicht richtig ernst, wenn er nicht schon die Erfahrung von ein, zwei Konkursen mitbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Mentalit\u00e4t sorgt auch im Arbeitsrecht f\u00fcr ein Regime des ungehinderten \u201ehire and fire\u201c, was gerade in Wachstumsphasen, bei Restrukturierungen und in Change-Prozessen hohe Flexibilit\u00e4t verleiht, aber mit unserem Schweizer Verst\u00e4ndnis der Sozialpartnerschaft unvereinbar ist. \u00dcberhaupt, der Arbeitnehmerschutz: Unsere Regeln der Arbeitszeiterfassung, zum Beispiel, sind f\u00fcr US-Firmen unvorstellbar (was ja auch in ihren Schweizer Niederlassungen immer mal wieder f\u00fcr Wirbel sorgt).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flexibilit\u00e4t der Rahmenbedingungen ist aber auch in anderen Bereichen bemerkenswert. Denken wir an den Datenschutz. W\u00e4hrend wir hier in Europa jede noch so abstrakte Gefahr m\u00f6glichst schon im Keim ersticken wollen, ist der Ansatz in den USA: Macht mal, und wenn niemand klagt, ist alles gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann w\u00e4re da noch das hoch kompetitive und elit\u00e4re Universit\u00e4tswesen, das mit der egalit\u00e4ren Einstellung hier kollidiert. Und dank hoher Durchl\u00e4ssigkeit zwischen Akademie und Business ist dort der Transfer zwischen beiden Welten sehr schnell und intensiv \u2013 selbst wenn wir mittlerweile auch das eine oder andere Hochschul-Spinoff aufweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich eingangs geschrieben habe, dass wir vermutlich auch gar kein Silicon Valley wollen, dann bezog ich mich auf die Kollateralsch\u00e4den dieses einzigartigen Biotops. Das Leben im Hamsterrad kann brutal hart sein, die soziale Absicherung liegt nahe bei null. Zehntausende leben nicht in einer Villa am Strand oder in einem hippen Condo in Palo Alto, sondern schlicht in ihrem Wagen, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum gibt. Dabei sprechen wir nicht von Arbeitslosen, sondern von Vollzeit-Angestellten bei grossen Techfirmen. Von den wirklich Unterbemittelten will ich jetzt gar nicht sprechen. Ich bin ziemlich sicher, so haben sich der Regierungsrat und der Gemeindeammann beim Spatenstich die Zukunft des Aaretals nicht vorgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Also: Wir werden niemals ein Silicon Valley haben \u2013 und das ist o.k. Konzentrieren wir uns stattdessen auf unsere St\u00e4rken (die w\u00fcrden n\u00e4mlich noch mindestens einen Blogpost f\u00fcllen). Auch wenn das bedeutet, dass im malerischen Aaretal nie eine Herde von Einh\u00f6rnern grasen wird.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:17px;line-height:1.6\" class=\"has-text-align-right source-indent has-custom-lineheight\"><em><em><em><em><em><em>Dieser Beitrag erschien in weitgehend identischer Form in meiner\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.inside-it.ch\/articles\/56083\" target=\"_blank\">Kolumne \u201cVon Hensch zu Mensch\u201d auf inside-it.ch und inside-channels.ch<\/a>. Bild: Jean-Marc Hensch<\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, nein, nein: Wir haben in der Schweiz kein Silicon Valley, werden auch keines haben und wollen es auch gar nicht! 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